Einige Methoden der TCM-Diagnose als Hilfe bei der Mittelfindung
Von Heilpraktikerin Luise Kunkle MA
Zwar hat Hahnemann, den die Homöopathen auch heute noch als den "großen Meister" sehen im Organon die Akupunktur abgelehnt wie alle damals gängigen
Heilformen. Die Frage stellt sich jedoch, wie gut er diese Lehre überhaupt hat kennen können. Zu seiner Zeit war sie in Europa sicherlich nur sehr oberflächlich bekannt. Anscheinend hat er sie mit solchen Verfahren wie "Fontanellen setzen" etc. gleichgesetzt.
Sie ist jedoch alles andere als dies und der Homöopathie vom Grundprinzip her recht nahe verwandt. Sie, oder vielmehr die
Traditionelle Chinesische Medizin (Abkürzung TCM), von der sie ein Teil ist, ist neben der
Homöopathie dieHeilform, die Krankheit als Störung der Lebenskraft ansieht. Genau wie die
Lebenskraft in der Homöopathie, liegt das chi der TCM jeglichem Leben zu Grunde und die
Harmonie dieses chi bedeutet Gesundheit. Bei Krankheit wird die Heilung durch die
Wiederherstellung seiner Harmonie bewirkt. Mehr noch - Hahnemann selbst hat die Lebenskraft
dynamis genannt - und das wäre auch eine gute Übersetzung für chi.
Inwieweit diese Tatsache ür die Homöopathie von Bedeutung ist, ist noch recht wenig ernsthaft erforscht worden und soll auch nicht Thema dieses Artikels sein. Die Frage ist viel enger gestellt: Könnten wir in der Diagnose der TCM manchmal eine Hilfe bei der Suche nach dem passendsten
Mittel (simillimum) zur Verfügung haben?
Eines der schwierigsten Probleme bei der Mittelfindung ist bekanntermaßen die Hierarchisierung
der Symptome. Und genau da kann die Diagnostik der TCM evt. Hilfestellung leisten. Weiterhin
kann sie uns Hinweise auf Symptome geben, die wir möglicherweise sonst garnicht als
Krankheits-Symptome erkennen würden
Was die traditionelle chinesischen Medizin allen anderen Diagnose- und Heilformen -
einschließlich der Homöopathie - voraus hat, ist ihre über 2000-jährige Erfahrung. Man darf
annehmen, daß sich in einer solchen Zeitspanne herausgestellt hat, welche Symptome und
Symptomengruppen große Wichtigkeit besitzen.
Genau dieses Problem stellt sich bei uns immer wieder bei der Fallaufnahme und
Hierarchisierung: was sind in einem gegebenen Fall “Krankheitssymptome” im Sinne der
Homöopathie - was ist ihre Wichtigkeit relativ zueinander.
Ich glaube, Hahnemann hätte, wenn er diese Lehre wirklich gekannt hätte, bei seinen
Arzneimittelprüfungen z.B. die Puls- und Zungensymptome im Sinne der TCM überprüft. Dann
hätten wir eine große Anzahl von objektiv zu erkennenden Symptomen, die sich auf den
Gesamtzustand des Menschen beziehen.
Jedoch sind die Symptome bei den Arzneimittelprüfungen nun einmal nicht nach dem Schema der
TCM überprüft worden. Daher sind Symptome, die man in der TCM-Diagnose benutzt, in der
homöopatischen Materia Medica (und damit in den Repertorien) nur spärlich zu finden. Aber
einige gibt es doch.
Sie sollten nach zwei Kriterien benutzt werden und fallen zwanglos in die beiden oben
angeführten Klassen bei der Mittelfindung, also die Entscheidung
1) |
was ist als Krankheitssymptom zu werten |
2) |
welchen Platz hat es in der Hierarchie, also wie wichtig ist es. |
Um diese hier besprochene Methode anzuwenden, sollte man davon ausgehen, daß einmal ein
Krankheitssymptom der TCM auch ein solches in der Homöopathie bedeutet und das weiterhin
die vergleichbaren Symptome in der Hierarchie da stehen sollten, wo ihr Platz in der TCM ist. Da
es sich um den selben Patienten handelt, besitzen diese Symptome wohl auch für die
Mittelfindung der Homöopathie eine entsprechend parallele Wichtigkeit.
Es ist keinesfalls nötig, sich zu diesem Zweck in die schwierige Materie der traditionellen
chinesischen Diagnostik einzuarbeiten - ja, man könnte, ohne jeden Bezug zu ihr, sich die
entsprechenden Rubriken im Kent einfach markieren und benutzen.
Aber wer will schon "nur nach Gebrauchsanweisung" verordnen?
Ein kurzer Einblick in das Wesen der TCM, was diese Hierarchisierung betrifft, eine Skizze des "Warum und Wieso", mag also von Interesse sein. Durch die gebotene Kürze muß diese natürlich unvollständig und sehr vereinfachend - und damit auch manchmal verzerrt - sein.
Die Diagnose der TCM besteht - nach einem treffenden und beschreibenden Ausdruck von Ted Kaptchuk - darin, "aus den Symptomen ein Muster zu weben".
Dazu gibt es verschieden Methoden, die im allgemeinen miteinander kombiniert werden
Dazu gibt es verschieden Methoden, die im allgemeinen miteinander kombiniert werden
1) |
Die Diagnose nach den 8 Leitkriterien
|
2) |
Die Diagnosen nach den "Organen" im Sinne der TCM, die NICHT mit den Organen der westlichen Anatomie/Physiologie korrelieren.Dieses Nicht ist äußerst wichtig - ohne dies zu beherzigen, wird der gesamte Artikel (und die gesamte TCM) völlig unverständlich und unsinniges Wirrwar. Ich werde sie deshalb Sin-Organe nennen, also Sino-Lunge, Sino-Herz etc. Das ist eine Weiterführung der Idee von Prof. Porkert, die Meridiane als Sinarterien zu bezeichnen. |
3) |
Die Diagnose nach den Agenzien bzw. Zuständen. Auch hier bedeuten die Ausdrücke nur teilweise das, was unser Wort besagt - im Zweifelsfalle stelle ich auch ihnen ein sino voran |
|
Das sino vor einem Ausdruck ist also immer ein Kürzel für “.... im Sinne der TCM” |
Diese Methoden sind auf vielerlei Weise untereinander verbunden (wie die Fäden in einem Netz es eben auch sind), insbesondere durch die Bezüge Yin/Yang und die 5 Wandlungsphasen.
Wichtig ist für unseren Zweck zuerst einamal, daß die 8 Leitkriterien in der "Hierarchie" der TCM-Diagnose an oberster Stelle stehen. Das sind immer Gegensatzpaare:
Von diesen Paaren sind die Polaritäten Yin und Yang Überbegriffe, die sich in den untergeordneten Kategorien konkretisieren und daher für unseren Zweck nicht von Bedeutung Auch das Problem von Innen/Außen ist aus verschiedenen Gründen hier nicht relevant.
Anders ist es mit den Paaren Fülle/Leere und Hitze/Kälte. Hierbei findet man manche Symptome, die im Kent verzeichnet sind. Sie stehen bei der Hierarchisierung aber oft ziemlich hinten, weil sie eher unwichtig zu sein scheinen. Da sie aber - und das ist der Knackpunkt - in der TCM an so führender Stelle stehen, dürfte das eigentlich nicht der Fall sein.
Fangen wir mit den Gemütssymptomen an. Wenn wir das entsprechende Kapitel im Kent aus der Sicht der 8 Leitkriterien durchforschen, finden wir dort nur wenige relevante Symptome:
hastiges Sprechen |
langsames Sprechen |
Schwatzhaftigkeit |
Wortkargheit |
hastige Bewegungen |
Langsamkeit |
Heftigkeit |
Gleichgültigkeit. |
Dies sind Symptome, die weder bei der Fallaufnahme noch bei der Hierarchisierung stark im Vordergrund stehen. Um so interessanter dürfte es sein, herauszufinden, ob ihnen tatsächlich hervorragende Wichtigkeit zukommt. Denn das müßte so sein, da sie sozusagen die Schnittstelle der hierarchisch wichtigsten Symptome einmal der Homöopathie (als Gemütssymptome) und zum anderen der TCM (als Symptome der 8 Leitkriterien) bilden. Sie sollten also eine Ausschluß wirkung haben,d.h. wenn bei einem Patienten eines (oder mehrere) dieser Symptome zu erkennen ist,MÜSSTE das passende Mittel in der entsprechenden Rubrik zu finden sein. Das wäre so ähnlich, wie bei den “warmen” und “kalten” Mitteln, die zumindest nach der Auffassung einer Reihe von Homöopathen, diese Ausschlusswirkung besitzen.
Von den Gemütssymptomen kommen wir zur nächstwichtigen Stufe der Hierarchie: den Allgemeinsymptomen. Hier sind im Repertorium folgende Symptome der TCM wiederzufinden:
Puls |
schnell - langsam - fadenförmig - hart - weich - leicht zu unterdrücken |
Zunge |
rot - hell - geschwollen, (Zahneindrücke) |
Temperaturverhalten |
friert leicht - ist immer zu warm |
Schlafposition |
ausgestreckt - zusammengekrümmt |
Urin |
wenig - stark gefärbt - heiß - starker Geruch - viel - wäßrig - geruchlos |
Stuhl |
stinkend - heiß - fischiger Geruch |
Sekrete |
dick - gelb - rötlich - dünn/wäßrig - weiß |
Gesichtsfarbe |
rot - umschriebene Röte - blaß (weiß) |
Bewegung |
langsam |
Durst |
ja - nein |
Schmerzen |
Druck V - B, Wärme V - B, Kälte V - B |
Diese obigen Symptome sind echte Allgemeinsymptome, selbst wenn sie z.T. bei Kent (und wohl vielen Nachfolgerepertorien) nicht in diesem Kapitel sondern als Lokalsmptome verzeichnet sind. Kent selbst hat z.B. auf hervorragende Wichtigkeit der Ausscheidungen hingewiesen. Auch die Gesichtsfarbe wird man in den seltensten Fällen als Lokalsymptom bezeichnen können.
Das beschließt die Diagnose nach den 8 Leitkriterien, insoweit sie für unseren Zweck wichtig ist.
Die 2. diagnostische Unterabteilung ist die Diagnose nach den Sin-Organen. Dafür würde man aber eine solide Kenntnis der TCM benötigen, und selbst dann wäre die Zuordnung in den meisten Fällen nur sehr tentativ möglich.
Eine Ausnahme davon ist dies Sino-Niere. Einige ihrer führenden Symptome sind im Kent als Lokalsymptome wiederzufinden, deren Bedeutung man ohne Bezug zur TCM garnicht ahnen kann. Die Sino-Niere ist die Wurzel alles Yin und alles Yang, also die Basis des Lebens selbst. Ihre Symptomatik rangiert daher vielleicht noch vor den Gemütssymptomen, sicher aber vor den Allgemeinsymptomen.
Darum sind von hervorragender Wichtigkeit als Sino-Nieren-Symptome:
|
die (grundlose) Angst Verlangen nach Salz Schmerzen in der Lumbalgegend Schmerzen tief im Kniegelenk |
Weiterhin ist zumindes interessant die Diagnose nach den "Zuständen".
Die TCM sieht den Menschen gleichsam im Kosmos eingewoben - der Makrokosmus hat seine Entsprechungen im Mikrokosmus.
Ein Teil des Makrokosmos ist das Klima, das durch die Zustände heiß, kalt trocken, feucht, windig beschrieben werden kann. Diese Zustände haben ihre Entsprechungen im Menschen. Wenn einer von ihnen zu stark wird, ist die Harmonie gestört und der Mensch ist krank. Er hat dann eine der Krankheiten Sino-Wind, Sino-Feuchtigkeit, Sino-Hitze, Sino-Kälte, Sino-Trockenheit oder auch - wiederum wie im Makrokosmos - eine Kombination: Sino-Wind/Kälte, Sino-Feuchtigkeit/Hitze etc.
Oft werden diese Sino-Krankheits-Zustände im Menschen durch den Einfluß des klimatischen Zustandes gleichen Namens hervorgerufen, manchmal allerdings durch Klimabedingungen anderer Art: wenn z.B. durch Kälte ein Sino-Hitzezustand verursacht wird. Sehr oft aber sind die Sino-Zustände im Menschen konstitutionell bedingt oder bestehen in einer konstitutionellen Prädispostion für einen bestimmten Sino-Zustand. Er wird dann durch den Klimaeinfluß sozusagen nur noch aktualisiert.
Diese Idee der Sino-Zustände könnte für die Homöopathie von großer Wichtigkeit sein. Ganz besonders könnte sie manchmal einen Zugang zu einer eventuellen Causa bieten, die ja nicht immer zuverlässig zu eruieren ist.
Im letzteren Fall kann uns vielleicht die Begutachtung nach der TCM einen wichtigen Fingerzeig geben, denn diese Diagnostik bietet uns Hilfsmittel, einen bestimmten Zustand an objektiven bzw. abfragbaren Symptomen zu erkennen. Dadurch kann dann evt. ein Verdacht auf eine mögliche Causa aufkommen und/oder erhärtet werden.
Das wichtigste Zeichen einen bestimmten Sino-Zustand beim Menschen zu erkennen, ist die Aversion des betreffenden Patienten gegen eben diesen Zustand in seiner Umwelt; z.B. mag also ein Mensch im Zustand Sino-Wind absolut keinen Wind oder Sturm oder auch nur Zugluft, jemand im Sino-Zustand Hitze keine Wärme etc.
Durch diesen Bezug können evt. Wald/Wiesen-Symptome hierarchisch signifikant werden.
Kommen wir noch einmal zu dem Gedanken zurück, daß wir denselben Patienten vor uns haben, ob wir nun die Diagnose nach den Regeln der TCM oder denen der Homöopathie stellen, dann kann man darüber auch einige Erfahrungen der Homöopathie evt. theoretisch erklären. Man könnte folgendes überlegen:
Vielleicht wird eine Krankheit, die durch eine bestimmte Causa verursacht wurde, gerade deswegen noch nach Jahren durch das passende Mittel geheilt, weil diese Causa einen entsprechenden Sino-Zustand hervorgerufen hatte. Dieser Sino-Zustand könnte die gesamte Zeit weiterbestanden haben. Das würde heißen, daß das Mittel sich nicht an das Ereignis in ferner Vergangenheit richtet, sondern an einen jetzt vorhandenen Sino-Zustand.
Damit wäre erklärt, warum ein Mittel, das einer bestimmten Causa zugeordnet ist, nicht immer heilt, selbst wenn diese Causa eindeutig vorliegt. Es würde nach dieser Hypothese bedeuten, daß die Causa einen Sino- Zustand anderer Art verursacht hatte bzw. in einen solchen umgeschlagen war.
Damit könnte man z.B. verstehen, warum Aconitum sowohl ein Mittel für Fieber ist (aber nicht immer) als auch für Folgen von "Kaltem Wind" (aber sicher auch nicht immer). Bei Fieber ist es oft ähnlich den ersten Stadien, wenn der Sino-Zustand noch Sino-Wind/Kälte ist, und zwar gleichgültig, ob dieses Fieber von "kaltem Wind" herrührt. Ist der Zustand dagegen umgeschlagen in einen der anderen (sehr oft Sino-Hitze), ist er nicht mehr ein Aconitum-Fall, selbst dann nicht, wenn er von "kaltem Wind" verursacht wurde. Diese letzte Tatsache ist das bedeutungsvolle hierbei, denn wäre es anders, würde ein von "kaltem Wind" herrührendes Fieber auch im sagen wir "Belladonna" Stadium noch auf Aconitum ansprechen.
Die Tatsache, daß Aconitum auch noch nach Jahrzehnten einen durch "kalten Wind" verursachten Fall zu heilen vermag, steht dazu nicht im Widerspruch. Der Wind/Kälte Sino-Zustand ist eben nicht nur durch Fieber definiert, sondern er kann sich durch vielerlei verschiedene Symptomatik manifestieren.
Wenn man die Symptome der weiter oben hingestellten Tabelle einmal auf die Sino-Zustände untersucht, findet man:
Puls |
schnell: Sino-Hitze fadenförmig: evt.Sino-Wind |
langsam: Sino-Kälte |
Zunge |
rot: Sino-Hitze |
hell: evt. Sino-Kälte |
Temperatur- verhalten |
ist immer zu warm: Sino-Hitze |
friert leicht:evt. Sino-Kälte, evt. Sino-Wind |
Urin |
wenig - stark gefärbt - heiß - starker Geruch : Sino-Hitze, evt Sino-Feuchtigkeit/Hitze |
viel - wäßrig - geruchlos:Sino-Kälte, evt. Sino-Feuchtigkeit/Kälte |
Stuhl |
stinkend - heiß : Sino-Hitze |
fischiger Geruch: Sino-Kälte
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Sekrete |
dick - gelb - rötlich : Sino-Hitze |
dünn/wäßrig - weiß: Sino-Kälte |