Projekt v. Bönninghausen
Vorwort
An dieser Stelle möchte ich allen Mitarbeitern von IGM-Bosch danken. Sie haben mir die Möglichkeit der Recherchen am Institut gegeben, und sie waren so hilfreich und freundlich, dass der Aufenthalt dort eine rechte Freude war.
Weiterhin möchte ich Teresa Kramer danken. Nicht nur ist ihr Verdienst als "copy-editor", dass der englische Text wahrscheinlich stilistisch und sprachlich besser ist als der deutsche, sie hat mich auch auf viele Textstellen hingewiesen, an denen meine Erklärungen nicht nachvollziehbar waren.
Das Ziel des „Projekts v. Bönninghausen“ ist, wie
in der Projektbeschreibung erwähnt, Rohdaten zur Verfügung zu stellen. Um jedoch
aus diesen Daten Nutzen ziehen zu können, ist ein gewisses Maß an Objektivität
erforderlich.
Obwohl ich bis jetzt erst die 10 unten
veröffentlichten Patientenbögen gelesen habe und somit über die Erfolgsquote der v. Bönninghausens noch nicht viel weiß, so vertraue ich doch darauf dass die 150 zur Veröffentlichung vorgesehenen Krankenakten objektive Beweise für die potentielle Wirksamkeit der Homöopathie zeigen, so dass Skeptiker - nicht zu verwechseln mit
Dogmatikern zumindest zum Nachdenken angeregt werden könnten.
Jedoch brauchen auch die Homöopathen
Objektivität, d.h. eine offen-kritische Einstellung. Die Krankenakten
werden evtl. auch sie zum Nachdenken anregen; denn die Erfolgsquote
der v. Bönninghausens wird
wahrscheinlich nicht so hoch sein, wie man es aufgrund der Veröffentlichungen des
Vaters, Clemens Maria, erwarten sollte.
Weiterhin sind die Fallverläufe in den meisten Fällen sicherlich nicht so
glatt wie er sie dort beschrieben hat.
Einen weiteren Anstoß zu einer gewissen Skepsis,
was v. Bönninghausens Veröffentlichungen (im Gegensatz zu seiner praktischen
Arbeit) betrifft, mögen die nachfolgenden Seiten geben. Es sind dies die Resultate von Vergleichen einiger in v. Bönninghausens Publikationen beschriebenen Fälle mit den entsprechenden Krankenakten, die als Manuskripte bei IGM-Bosch in Stuttgart archiviert sind.
Viele seiner Beispielsfälle in Büchern und
Artikeln haben zu dogmatischen Festlegungen auf Seiten der Klassischen
Homöopathen geführt, und schon aus diesem Grund ist eine Portion Skepsis ihnen
gegenüber kein Fehler.
Es gibt seit 150 Jahren Tausende und Abertausende
Berichte, sowohl mündlich als auch in der homöopathischen Literatur, über die
Heilung schwerer und leichter Krankheiten durch die Homöopathie. Von den
Wissenschaftlern, Schulmedizinern und so genannten Skeptikern werden sie, gemäß
ihrer Geisteshaltung und ihrem Vor-Verständnis/Vor-Urteil, für Erfindungen
gehalten -- zumindest ist das die einzig
logisch mögliche Erklärung, warum sie ihnen 150 Jahre langkeinerlei Beachtung geschenkt haben. Auf der
anderen Seite akzeptieren viele Menschen, sowohl Homöopathen als auch
Nicht-Homöopathen, diese Berichte völlig unkritisch - ohne auch nur in Betracht
zu ziehen, dass sie oder ein Teil von ihnen tatsächlich erfunden oder doch
zumindest geschönt sein könnten.
Beide Auffassungen sind extrem unwahrscheinlich..
Überprüfbar auf ihren Wahrheitsgehalt sind
sie selten. Die "alten" homöopathischen Ärzte, die diese Bücher oder Artikel veröffentlichthaben, sind tot und ihre Krankenakten zum allergrößten Teil vernichtet
oder nicht auffindbar. Die Aufzeichnungen der heutigen Homöopathen sind zwar vorhanden aber nicht zugänglich.
Glücklicherweise gibt es Ausnahmen. Die
Krankenakten einiger verstorbenen Homöopathen sindim Archiv des “Instituts für die Geschichte
der Medizin der Robert Bosch Stiftung”, kurz “IGM-Bosch”, noch vorhanden. Neben
dem Nachlass einiger Ärzte der neueren Zeit sind dies vor Allem die
Krankenjournale von Hahnemann und v.
Bönninghausen, Vater und Sohn.
Clemens Maria v. Bönninghausen, der
Lieblingsschüler Hahnemanns, hat, im Gegensatz zu seinem Meister, recht viele
seiner Fälle veröffentlicht. Seine Krankenjournale sind als Manuskripte erhalten, und deswegen können die von ihm
veröffentlichten Fälle z. T. mit den Krankenakten (den Krankenjournalen)
verglichen werden.
Es dürfte unbestritten sein, dass Krankenakten die Fakten so wiedergeben, wie
der Therapeut sie zum Zeitpunkt der Behandlung nach bestem Wissen und Gewissen
beurteilt hat. Das kann man jedoch für Veröffentlichungen jedweder Art nicht
unbedingt annehmen. Wenn also zwischen den Einträgen in einer Krankenakte und
der Veröffentlichung desselben Falls Unterschiede bestehen, so muss man
zweifellos den ersteren glauben.
Bei v. Bönninghausen gibt es möglicherweise
viele solcher Unterschiede zwischen seinen Veröffentlichungen und den mehr oder
weniger ausführlichen Einträgen in den entsprechenden Krankenakten. Die unten
folgenden Beispiele solcher Diskrepanzen sind mir bei der Transkription des ersten Krankenjournals
spontan aufgefallen, weil ich, wie wohl fast jeder Homöopath, die veröffentlichten
Versionen kannte. Ich habe nicht nach weiteren solcher Fälle gesucht - ich weiß also nicht, wie häufig v. Bönninghausen in seinen Veröffentlichungen „die
Wahrheit modifiziert“ hat.
Hahnemann hat sich in seinen Veröffentlichungen fast ausschließlich auf die Theorie beschränkt, was die meisten Homöopathen bis heute sehr bedauern. V. Bönninghausen dagegen hat mit Beispielen nicht gegeizt. Die Fälle in seinen Veröffentlichungen sollten die An- und Einsichten, die Theorien usw., die er in dem jeweiligen Artikel oder Buch vertrat, illustrieren und untermauern.
Bis heute werden gerade v. Bönninghausen's Fälle oft zu "Beweisen" für Dogmen der Homöopathie herangezogen. Es wäre deshalb weitere Forschung mit Vergleichen wünschenswert, um zu erkennen, inwieweit wir seinen Berichten Glauben schenken können.
Die Geschichte von der Wunderbaren Heilung des
Clemens v. Bönninghausen von der Schwindsucht - Mythos oder Tatsache?
Wenn man irgendwo irgendetwas über v.
Bönninghausen liest oder hört, so schließt dieses “Irgendetwas” fast immer
seine an Wunder grenzende Heilung von der Tuberkulose durch den homöopathischen
Arzt Weihe ein. Die Geschichte wurde in mehreren Versionen überliefert. Alle
gehen auf v. Boenninghausen selbst zurück, der darüber mehrmals berichtet hat,
manchmal kurz, manchmal sehr ausgeschmückt.
Die ausführlichste Version ist wohlin der Biographie von F. Kottwitz[i] ,
die als Standardwerk gilt, wiedergegeben. Sie ist wissenschaftlich sehr gut
belegt, denn Kottwitz gibt als Referenz den Lebenslauf v. Bönninhausens an, der
als Manuskript im Archiv von IGM-Bosch aufbewahrt wird[ii]
und der - wiederum nach Kottwitz - in
“Kleinert: Geschichte der Homöopathie” 1863 veröffentlicht wurde[iii].Obwohl das Manuskript nicht in v.
Bönninghausens Handschrift ist, geht Kottwitz davon aus, dass er der Autor ist.
Wahrscheinlich hat v. Bönninghausen ihn für das Kleinertsche Buch geschrieben
und die in seinem Nachlass gefundene Handschrift war eine Abschrift für seine
eigenen Unterlagen, die er natürlich nicht selbst angefertigt hätte. Das
Manuskript ist 1862 datiert, genau die Zeit, in der Kleinert an seinem Buch
gearbeitet haben dürfte und in dem er v. Bönninghasuen um seinen Lebenslauf
gebeten hätte.
Der für dieses Thema interessante Teil des
Lebenslaufs lautet:
Eine
ernstliche Zerrüttung seiner bisher so
dauerhaften Gesundheit im Herbste 1827, die von zweien der berühmtesten Ärzte,
für eitrige Schwindsucht erklärt wurde, und sich bis zum Frühjahr 1828 immer
verzweifelter gestaltete, war die erste Veranlassung, daß B. mit der
Homöopathie bekannt. wurde. Als nämlich so ziemlich alle Hoffnung auf Genesung
aufgegeben war, schrieb er einen Abschiedsbrief an seinen alten und
unvergeßlichen botanischen Freund, den Med. Dr. A. Weihe zu Herford, welcher
der erste homöopathische Arzt in ganz Rheinland und Westfalen war, ohne daß B.
solches wußte, weil die häufige Korrespondenz zwischen Beiden sich stets nur um
botanische Gegenstände herumdrehte. W., von dieser Nachricht heftig ergriffen,
antwortete sogleich und verlangte eine ganz genaue Beschreibung der Krankheit
und deren Nebenzeichen, und sprach die Hoffnung aus, daß er vermöge der neu
entdeckten Heilmethode, vielleicht noch im Stande sein würde, einen ihm so
schätzbaren Freund zu retten.
Weihe
rettete ihn
durch
eine Gabe Puls(atilla) 30, der er 4 Wochen später eine Gabe Sulph[ur] 30
folgen liess, das Leben ]...]. Mehr war zur Herstelllung nicht nöthig
[...], obwohl die Krankheit über 9 Monate gedauert hatte und [... er sich]
bereits ausser Stand [fühlte], auch nur hundert Schritte ohne Ausruhen zu
gehen.[iv]
Mit Ausnahme von v. Bönninghausens Publikationen
und deren Manuskripten scheint das die
einzig Quelle für den Bericht über diese Heilung zu sein. Die Anamnese, die v.
Bönninghausen für seinen eigenen Fall geschrieben hat, ist von dem obigen sehr verschieden.
V, Bönninghausen hat im Sept. 1829 angefangen, homöopathisch zu
behandeln. Das kann man aus seinem ersten Krankenjournal ersehen, dessen
Manuskript im Archiv von IGM-Bosch aufbewahrt wird[v].
Seine erste Patientin war danach seine Kusine Annette von Droste-Hülshoff, die
mit dem Einverständnis ihres Hausarztes - der sie aufgegeben hatte - die
“Homöopathie ihre Vetters” versuchte. Nachdem der Erfolg der Behandlung
ersichtlich und bekannt wurde, kamen weitere Verwandte und Freunde um “einmal
die Homöopathie zu gebrauchen“. V. Bönninghausen hatte durch die erfolgreiche
Behandlung Annettes anscheinend Selbstvertrauen gewonnen und nahm ab etwa Oktober 1829
Patienten an. Vor allem behandelte er nach diesem Datum auch seine engere
Familie nebst Dienerschaft - und auch sich selbst. Es gibt in dem ersten
Krankenjournal seine eigene von ihm selbst geschriebene Krankenakte. Allerdings
führt er sich selbst als Patienten unter dem Namen „Egomet ipse“. Die
Krankengeschichten dieser ersten
Patienten, 90 an der Zahl, sind
in dem Journal - Sept. 1829 bis etwa April 1830 - (zum größten Teil sehr ausführlich)
festgehalten und nummeriert. Er selbst ist Nummer 20. Fast jede dieser
Krankengeschichten schließt eine Anamnese ein. Seine eigene Anamnese lautet wie
folgt:[Buchstaben- und zeichengenau, jedoch nicht zeilengenau, transkribiert]
20.Egomet ipse.
Frühere heftige und lange anhaltende Gicht,
das vorigjährigen und noch nicht völlig
getilgte Blutspeien, ferner Haaraussfallen, leichte Verkält- lichkeit, leichtes
Verhäben, Schweiß bei der geringsten Bewegung u. d. gl. mehr geben Anzeigen
genug, daß auch hier Psora vorhanden seie, und, ohne eben von diesen
Beschwerden sonderlich belästigt zu sein, war doch völlige Gesundheit so
wünschenswerth, dass der Beschluß leicht ge- fast wurde, ebenfalls die leichte
antipsorische Kur zu gebrauchen.
die
Überzeugung von der sehr merklichen Wirksamkeit der kleinen dosen
homöopathischer Arzneien stand ohnedem fest, durch die eben so schnelle als treffliche Wirkung,
welche Nux vomica und Dulcamara, letztere bei Erkältungsübeln, denen ich sehr
ausge setzt bin, bereits gezeigt haben.
Noch am
3. Nov. d. J. heilte Nux vomica in 10 Minuten Abends einen Schwindel, wahrscheinlich
von übermässigen Kopfarbeiten und Stubensitzen entstanden, der aber auf einer
Promenade vor dem Thore nicht verging. Ein Tropfen C 12, Abends genommen,
erzeugte eine sehr bedeutende Vermehrung dieses Schwindels, so daß ich glaubte,
närrisch zu wer den, und 10 Minuten nachher war ich völlig hergestellt.[vi]
Hier fällt sofort auf, dass er bei den Mitteln,
die ihn von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt haben, Pulsatilla und
Sulfur mit keinem Wort erwähnt, dagegen Dulcamara und Nux vomica enthusiastisch
lobt.
Würde die Geschichte seiner wundersamen Heilung
durch Pulsatilla und Sulfur auf Tatsachen beruhen, so wäre ein Auslassen dieser
Mittel doch wirklich das allerseltsamste Phänomen, das man sich denken kann.
Bestimmt hätte er doch ihre Wirkung, ihn vom Tode zu erretten, als wichtiger
und bemerkenswerter angesehen als die
Wirkung von Dulcamara bei seinen Erkältungen oder von Nux vom. bei seinem
Schwindel!
Weiterhin
ist eine Erkrankung an Tuberkulose 1827/1828
, und gar einer eitrigen Tuberkulose,
überhaupt nicht erwähnt - lediglich ein “vorjähriges Blutspeien”. Im
Vergleich zu der Beschreibung seiner “heftigen” Gicht ist das „vorjährige
Blutspeien“ dazu eher leichthin
abgehandelt. Es ist keine Rede von
“großer Schwäche”, von Tuberkulose als Diagnose, von “einer
Lebensgefahr” etc. Diese Erkrankung wäre ein wichtiger Teil der Anamnese
gewesen, es ist undenkbar, dass er sie ausgelassen hätte.
Wäre also
eine so schwere Erkrankung wie Tuberkulose sie zu dem damaligen Zeitpunkt war -
durchaus so ernsthaft wie heute Krebs oder AIDS und dementsprechend gefürchtet
- in seiner Vorgeschichte nicht wichtig
gewesen - zumindest so wichtig wie die Heftigkeit der Gicht? So wert einer
ausführlichen Beschreibung wie der Schwindel? Anstatt nur leichthin “letztjähriges
Blutspeien” zu erwähnen?
Auch bei der Aufnahme des Ist-Zustands - es war ja
“noch nicht getilgt” nimmt er es nicht weiter ernst. Zusammen mit Haarausfallen
etc. ist es lediglich eines der Zeichen der Psora, die ihn jedoch nicht
sonderlich belästigen. Als Zeichen einer nicht ausgeheilten, noch immer durch
“Blutspeien” manifesten Tuberkulose hätte er es ganz bestimmt nicht so leicht
genommen.
Außerdem würde diese nicht ausgeheilte Tuberkulose
auch den Angaben im Lebenslauf widersprechen, nach denen er nach den beiden
Mitteln wieder “hergestellt” war.
“Blutspeien” kommt in den Anamnesen des
Krankenjournals recht häufig vor, ohne Hinweise darauf, dass es ein Zeichen der
„Schwindsucht“ sei. Z. B. , bei Patientin 4. “Trudchen Hegemann, den dreißigern
nahe”[vii]
[..] - bekam als 6jähriges Kind die Krätze,
welche 3 Jahr lang mit Schmieren behandelt und endlich äußerlich vertrieben
wurde.Sie hatte daraufspäter beständig
Brustbeschwerden, bekam im 18 Jahr Blutspeien, worauf sie sich erleichtert
fühlte, und vor 6 Jahr Augenschmerzen. [..]
Auch hier hat er das “Blutspeien”
anscheinend nicht sonderlich ernst genommen, es “brachte sogar Erleichterung”
und in der Tat war die Patientin anscheinend in den 10 Jahren zwischen
Blutspeien und Anamnese nicht schwer
krank gewesen. (Sie war Köchin bei Frau v. Droste-Hülshoff)
Für Fälle von Tuberkulose hat er
dagegen die Diagnose Tuberkulose oder „Schwindsucht“ verwendet - u. A. bei
Annette v. Droste-Hülshoff und bei einer Patientin Frau Krause, die er als
„hochgradig schwindsüchtig“ diagnostizierte. Diese Diagnose hat er durchaus
nicht leicht genommen und so nebenbei abgetan. Man lese im Vergleich den von
ihm veröffentlichten Fall der Dichterin. Hierbei entspricht die Anamnese der
Veröffentlichung im Wesentlichender der Krankengeschichte in dem Journal, woraus ersichtlich ist,
dass er schwere Krankheiten auch durchaus dramatisch schilderte.
Es stellt sich natürlich die Frage,
warum v. Bönninghausen, den wir sicher als rechtschaffenen und auch im Grunde
ehrlichen Menschen ansehen müssen, eine solche hochdramatische Geschichte
erfunden haben sollte, die zu einem Mythos der Homöopathie geworden ist.
Über die Antwort können wir lediglich
spekulieren, aber mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit mag sie lauten,
dass er damit die Homöopathen von der Wirksamkeit der Hochpotenzen, und dies in
einmaliger und kleinstmöglicher Gabe, überzeugen wollte, nachdem in Deutschland
inzwischen die einflussreichsten
Homöopathen die Hochpotenzen als unsinnig abqualifizierten und wiederholte und recht
große Gaben von Tiefpotenzen verschrieben. Diese “Tiefpotenzler” waren nicht
nur einflussreich sondern auch zahlenmäßig sehr viel stärker als die
Hochpotenzler - die letzteren waren zu Außenseitern geworden.
V. Bönninghausen selbst beschrieb das
schon 1848 in seinem Artikel “Erfahrung und die Hochpotenz”[viii]
[..] Ungefähr in den nämlichen Minoritäts-Verhältnissen wie damals eine
längere Reihe von Jahren hindurch die Homöopathen gegen Allöopathen standen,
stehen heute die Anhänger der Hochpotenzen zu den Gegnern derselben; [..][ix]
V. Bönninghausen gehörte zu den
leidenschaftlich und fest überzeugten Verfechtern der Einmalgabe von
Hochpotenzen in Minimaldosierung, und er kämpfte für diese Methode. Der Kampf
wurde mit harten Bandagen geführt, und er stand wahrscheinlich recht allein.
Ist es zu weit hergeholt, zu sagen: Im Krieg und in der Liebe sind alle Mittel
erlaubt?
Gerade als Nicht-Arzt hatte ergegen seine Widersacherim direkten Kampf wohl wenig Möglichkeiten,
sich durchzusetzen, wo doch selbst Hahnemann gegen seine Widersacher innerhalb
der Homöopathen schon viele Jahre vor seinem Tode einen schweren Stand gehabt
hatte, trotz seiner Berühmtheit und seines Status als Begründer der Methode. Im
Jahre 1833 schrieb er an v. Bönninghausen:
So sehr ich mich zusammen genommen habe, so mag doch einiger Ärger über --
-- -- -- -- dazu beigetragen haben, dass
mich ein Erstickungs-Katarrh befiel, der 7 Tage vor dem 10. Aprilund 14 Tage nach demselben mich zu erdrosseln
drohte
Anders als Hahnemann war v.
Bönninghausen mit höfischer Diplomatie
wohl vertraut, und im Gegensatz zu diesem hat er auch wohl nicht unbedingt auf
Konfrontation gesetzt. Er hat sich in seiner Diplomatie sicher durch den großen
Erfolg, den er in Westfalen bei der Bekehrung allopathischer Ärzte zu
Homöopathie gehabt hatte, bestätigt gesehen. Kriege gegen eine Übermacht können
eben auch auf andere Weise geführt werden.
Dass sich die Stellung der
Hochpotenzler zwischen 1833 bzw. 1848, dem Datum der obigen Zitate, und 1862
nicht verbessert hatte, wird in einem Artikel “Zur Würdigung der Hochpotenz”,
den v. Bönninghausen 1860 in der “Allg. Homöopath. Ztg” veröffentlichte[x]
.demonstriert Er schrieb da über Fincke:
Er hat ohne Zweifel mit mehreren von
uns die Erfahrung gemacht, dass die höheren Dynamisationen, auch bei unvollständiger
Aehnlichkeit, oft noch sehr gute Wirkung hervorbringen, wo die niedrigen
Verdünnungen derselben Arznei gänzlich versagen [?Red]
Die Impertinenz des Redakteurs oder
der Redaktion, als Kommentar ein Fragezeichen in den Artikel zu bringen, sagt wohl
genug über das damalige geringe Ansehen der Hochpotenzen (und der
Hochpotenzler) aus!!
Es gab also auf jeden Fall reichlich
Gründe für v. Bönninghausen, eine beeindruckende Heilung zu veröffentlichen -
und damals wie heute war zweifellos eine persönliche Geschichte ganz besonders
eindrucksvoll.
Eine solche Heilung wie oben
beschrieben, durch jeweils lediglich jeweils eine einzige Gabe, nur je 2 globuli von nur 2 Mitteln in Hochpotenz - dessen konnte sich sicher kein
Tiefpotenzler rühmen. Dieser “Lebenslauf”, geschickt in die “Geschichte der
Homöopathie” lanciert, hatte
höchstwahrscheinlich einen unerhörten Propaganda-Effekt für seine Methode, der
in Anbetracht der oben beschriebenen Lage mehr als wünschenswert war. Dieser
Effekt wirkt bis heute. Selbst Menschen, die nur oberflächlich mit der
Homöopathie bekannt sind, haben mir die Geschichte erzählt. Einmal gehört, nie
wieder vergessen!
Es hatte einen zweiten Effekt, der auf
jeden Fall auch beabsichtigt war. Ohne einen solchen Bericht hätten viele Homöopathen
zwar geglaubt, dass die volle
Heilung einer chronischen Krankheit in ihrem Endstadium durch einmalige Gabe
von nur 2 Hochpotenzen möglich ist,--nach der Veröffentlichung dieses “Falls” “wussten” sie es.
Die Krankengeschichte von v. Bönninghausens ältestem
Sohn Clemens
Es ging bei der Auseinandersetzung mit
den Tiefpotenzlern aber nicht nur um den Beweis der möglichen und sogar
besseren Wirksamkeit der Hochpotenzen, es ging auch um den Nachweis, dass die
Hahnemannsche Cautele, dasselbe Mittel nicht öfter als einmal und nur
als Minimaldosis zu geben, berechtigt
war. Die Tiefpotenzler haben diese Cautele wohl nie ernst genommen und nie
beachtet.
Schon damals fragten die
Einmalgaben-Verfechter, ob die Methode der Tiefpotenzler noch Homöopathie genannt werden könne -- es hat
sich offensichtlich in mehr als 150 Jahren nicht allzu viel verändert.
Ich frage endlich alle diese Herren, sowohl Homöopathen als Spezifiker, die
früher Homöopathen waren, auf Ehre und Gewissen, ob sie nun, namentlich in den
wahren chronischen Krankheiten, seitdem sie massivere Gaben in schnellen
Wiederholungen geben, glücklicher, schneller und dauerhafter heilen, als
früher, wo sie noch genau auf dem Wege wandelten, den ihnen der Stifter der
Homöopathie offen und treulich angedeutet hatte? [xi]
Aber wichtiger als das oben zitierte:
V.Bönninghause war offensichtlich davon
überzeugt, dass wiederholte Gaben - auch
in Tiefpotenz - schädlich sein können oder sogar müssen. Um dies den Kollegen
oder “den Spezifikern, die früher einmal Homöopathen waren” eindrücklich klar zu machen, bediente er sich
auch hier eines sehr persönlichen Beispiels - es betrifft seinen Sohn Clemens.
Zu Anfange dieser Schrift wurde
schon erwähnt, dass auch ich dem beinahe gemeinsamen Schicksale der deutschen
Homöopathen nicht entging, im Darreichen grösserer und oft wiederholter Gaben.
Ich glaube es daher meinen Lesern schuldig zu sein, hier noch in möglichster
Kürze zu erzählen, welche zwei mich selbst sehr nahe betreffenden Fälle, ausser
den ununterbrochen, von meinem Freunde und Lehrer Hahnemann erhaltenen
Warnungsschreiben und vielen andern Erfahrungen, mich bald wieder bewogen, zu
den kleinsten und seltenen Gaben genau homöopathisch gewählter Arzneien
zurückzukehren, und zwar so, dass alle spätern Behauptungen vom Gegentheile auf
mein Thun ohne Einfluss blieben.[xii]
[..]
Der zweite Fall betrifft meinen ältesten Sohn, geboren am 15. September 1814,
gegenwärtig Referendar bei der hiesigen Königlichen Regierung.
[..]
Wenige Monate nach seiner Geburt zeigte sich in seinem Gesichte ein
milchschorf-artiger Ausschlag, der schnell zunahm und bald dasselbe mit einer
dicken Borke bedeckte; wie sich dieser
Ausschlag in seiner schlimmsten Form zeigt. [..]
[..] So hartnäckig sich auch der Ausschlag zeigte, so musste er doch am
Ende so vielseitigen Angriffen weichen, zur nicht geringen Freude seiner
trefflichen Mutter. Aber diese Freude währte nicht lange. Wenige Monate nach
dem Verschwinden der Milchborke und als nun eben auch die länger röthlich
gebliebenen Flecken ihre natürliche Hautfarbe wieder angenommen hatten,
entstanden anfangs gelinde, dann allmählig stärkere Anfälle von Brustbeengung,
welche schon nach Ablauf eines halben Jahres eine solche Höhe erreicht hatte,
dass man während der, alle 8 bis 14 Tage auf mehrere Tage sich ausdehnenden
Anfalls-Perioden stündlich das Hinscheiden des armen Kindes gewärtigen musste.
Gegen dieses, das so ernstlich bedrohende Leiden wurde nun in der Nähe und
Ferne bei berühmten und unberühmten Ärzten Hülfe gesucht, aber nirgends
gefunden. [..]
Ich übergehe einen Zeitraum von mehren Jahren, während dessen ich zur
zweiten Ehe geschritten, Vater mehrer Kinder geworden und in Verhältnisse
gekommen war, wo ich den Rath noch sehr vieler anderer allopathischen Ärzte
über den unverändert gebliebenen asthmatischen Zustand meines ältesten Sohnes
einholen konnte, ohne auch nur den mindesten Erfolg
Endlich im Jahre 1828, hatte ich das Glück, nicht nur von den Vorzügen und
Leistungen der Homöopathie Kunde zu erhalten, sondern auch mich selbst, den von
den ausgezeichnetesten allopathischen Ärzten verloren gegebenen, vom Tode
gerettet zu sehen. Aber es fehlte hier gänzlich an Homöopathen, die Allopathen
zeigten entschiedenen und beharrlichen Widerwillen gegen die neue Kunst, von
der sie gar nichts verstanden, und nach wiederholten, fruchtlosen Versuchen,
irgend einen der bisherigen Ärzte zum Studium der neuen Heillehre zu vermögen,
blieb mir nichts andres übrig, als selbst Hand ans Werk zu legen und meine
sämmtlichen Mussestunden dieser schweren Wissenschaft zu widmen, .[xiii]
Das obige ist Hintergrundschilderung,
zum Einstimmen für die Leser, die v. Boenninghausens „Medizinischen Schriften“
nicht zur Verfügung haben. Es ist für mein Thema nicht weiter wichtig.
Das wird in den nächsten Abschnitten
anders. Dort schildert v. Bönninghausen nämlich seine homöopathische Behandlung
von Clemens:
Indessen nahete der Zeitpunkt heran,
wo mein Sohn die Universität besuchen sollte, und da ein Paar Mittel von kurzer
Wirkungsdauer, die ich ihm gleichsam versuchsweise reichte, ohne Erfolg
blieben, auch das Übel in seinen bisherigen Schranken blieb, und ich die
Überzeugung gewonnen hatte, dass nur vermittelst einer anhaltenden und
sorgfältig durchgeführten Kur das Ziel zu erreichen stand: so beschloss ich,
diese so lange auszusetzen, bis er wieder in den Schooss meiner Familie
zurückgekehrt sein, und ich selbst inmittelst meine Bekanntschaft mit der
Homöopathie in dem Grade erweitert haben würde, dass ich vor Fehlgriffen sicher
sein konnte. [xiv]
Im
letzten Abschnitt berichtet von Bönninghausen, also, dass er die homöopathische
Kur bis zur Rückkehr seines Sohnes von der Universität aufgeschoben hätte. In
Wirklichkeit hat er sie jedoch am 3. November 1829 begonnen, bevor der Sohn den
“Schooss seiner Familie” überhaupt verlassen hatte, also noch zur Schule ging.
(dokumentiert im Journal in der Krankengeschichte des Jungen)
Ob.
v. Bönninghausen dem Sohn schon vor dem 3. Nov. die oben angeführten “Paar
Mittel von kurzer Dauer” gegeben hatte, so wie er selbst auch schon Nux. vom
und Dulcamara genommen hatte, kann man nicht sicher sagen. Es ist aber
unwahrscheinlich, weil er es sonst wohl, wie bei sich selbst (und auch anderen
Patienten), in der Anamnese erwähnt hätte. .
Für die Zeit NACH dem 3. November
stimmen seine Angaben in dem obigen Abschnitt auf keinen Fall.
Clemens
bekam folgende Mittel:
3. Nov. 1829 Spiritus vini sulphuratus (etwa
Sulph. C1) 2 globuli - mit diesem Mittel in dieser Potenz hat v. Bönninghausen
zu der Zeit fast immer seine antipsorischen Kuren begonnen
25. Nov 1829 Calc. carb. C 18 5 globuli
21. Dez. 1829 Nux vom. C 18 [als
Zwischenarznei] 1 gutta
10. Jan 1830 Lyc.
C 18 3 globuli
5. März 1830 Sulph.
C 3 ¼ gr.
2. Mai 1830 Phos.
C 30 3 globuli
10. Juli 1830 Sepia C 30
27. Okt. 1830 Arnika C 6 1 globulus [nach einem Fall]
21. Nov. 1830
Caust. C 30 3 globuli
8. Jan. 1831 Calc. C 30 2 globuli
17. Febr. 1831 Sepia C 30 2 globuli
18. Apr. 1831 Sulph
C 15 2 globuli
26. Apr. 1831 Lyc.
C 30 1 globulus
27. Mai 1831 Phos. ac. C 30 1
globulus
22. Juni 1831 Calc. C 30 1 globulus
23. Okt 1831 Phos ac. C 30 2 globuli
22.
Nov. 1831 Nux. vom 1 globulus Riechen
25.
Nov 1831 Puls C 12 2 globuli
28.
Nov. 1831 Sulph. C 30 1 globulus
5.
Dez. 1831 Sulph. C 30 Riechen
8.
Dez. 1831 Puls. C 12 2 globuli
25.
Dez. 1831 Kali [carb?] C 30 1 globulus
27.
Dez. 1831 Nux vom. Riechen
28.
Dez. 1831 Puls. C 12 2 globuli
29. März 1832 Nux
C 30 1 globulus
25. Mai 1832 Phosph.
C 30 1 globulus
10. Nov. 1832 Sepia
C 30
9. März 1833 1.Ph.
C 30 R 2. Nux. C 30. R-
11. März 1833 1.
Ipec. R. s. Sep. C 30
12. März 1833
Acon R. Ans. R.
13. März. 1833 Lyc R.
26. Apr. 1833
Arn. C 12 R
27. Apr. 1833Sulph C 30 R.
28. Apr. 1833Sil C 30 R.
1. Mai 1833 Ipec.
C 30 1 globulus, Phosph C 30 R
1. Mai 1833 Ant.
tart. C 30 R Magn. acet.
2. Mai 1833 Carb.
veg
4. Mai 1833 Bry
C 30 R Sass R.
9. Juni 1833 Merc.
C 30 R Nux C 30 R.
12. Jun 1833 Seneg.
C 30 R.[xv]
Das
sind keineswegs “ein Paar Mittel von kurzwirkender Dauer”! V. Bönninghausen hat
also diesbezüglich ohne jeden Zweifel die Unwahrheit gesagt.
Von
Juni 1833 bis April 1835 taucht Clemens nicht mehr in den Krankentagebüchern
auf, obwohl v. Bönninghausen selbst und der Rest der Familie weiterhin dort
zwischen den anderen Patienten
aufgeführt sind. Es gibt nach diesem Datum auch keine weiteren
Patientenbriefe von ihm. Es ist anzunehmen, dass in den Journalen ab 1835 - als
v. Bönninghausen angefangen hat, seine Niederschriften in einem neuen Format zu
führen - eine Krankenakte von ihm
existiert, die mir aber nicht vorliegt.
Deswegen kann ich im Moment nicht
feststellen, ob der als nächstes aus v. Bönninhausens Artikel zitierte Abschnitt
den Tatsachen entspricht. Da der Autor kein Datum für dieses dramatische
Geschehen angibt und wir nicht wissen, wann Clemens “in den Schooss der Familie
zurückgekehrt ist” ist es immerhin möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass sich alles so wie geschildert irgendwann nach
dem 12. Juni zugetragen hat.
Als nun endlich dieser Augenblick
erschien, [also
Rückkehr von der Universität] war es
grade um die Zeit, wo das Unglück --
ich kann es nicht anders nennen -- der grossen und oft wiederholten Gaben über
Deutschland hereingebrochen war und auch mich erfasst hatte. Ich muss in der
That dies für mich ein wahres Unglück nennen, denn ungeachtet des, für diesen
Fall ganz treffend homöopathisch gewählten Mittels, welches Phosphor war, sah
ich bei meinen, alle 8 Tage wiederholten Gaben von niedrigen Verdünnungen,
nicht nur keinen erwünschten Erfolg, sondern bedeutende Verschlimmerungen und
das Auftreten sehr vieler, früher von meinem Sohne niemals bemerkten Phosphor-Symptome.
Von den letzten erwähne ich hier nur (nach der zweiten Ausgabe) Folgende: No.
10, 17, 21, 44, 87, 100, 105, 118, 141, 147, 245, 300, 390, 455, 580, 625, 668,
931, 933, 950, 971, 1009, 1012, 1032, 1034, 1075, 1084, 1126, 1140, 1153, 1202,
1203, 1210, 1221, 1225, 1226, 1232, 1252, 1266, 1508, 1530, 1555, 1615, 1670,
1685, 1686, 1725, 1753, 1781, 1791, 1822, 1823 und 1886; und bemerke dabei,
dass selbst die angeführten Brust-Symptome vor dieser Zeit ausser den
Asthma-Perioden entweder gar nicht oder nur in geringem Maasse vorhanden waren,
jetzt aber beständig fortdauerten.
Ob der letzte Teil des obigen
Abschnitts stimmt, kann man auf jeden Fall herausfinden, auch wenn die
Krankenakte von Clemens nicht gefunden werden sollte. Man kann die Symptome,
die sich in den Krankenakten bis Juni
1833 finden, mit denen der “zweiten Ausgabe” (der MM der Chronischen
Krankheiten) vergleichen.
Zwei Monate lang war ich unbesonnen genug, in dieser Weise fortzufahren und
gewahrte dann erst den grossen Fehler, den ich gemacht hatte.[..] Das ganze Übel meines Sohnes war durch
meine Schuld sehr bedeutend verschlimmert, und die bei jeder geringen
Veranlassung öfter als je und heftiger als je, auch ausser der gewöhnlichen
Zeit, wiederkehrenden Anfälle, welche mein Gemüth aufs heftigste erschütterten,
mögen mit dazu beigetragen haben, so bald jenen Fehler zu erkennen. -- Möge die
gütige Vorsehung jeden Homöopathen vor solchen Gewissensbissen bewahren, wie
ich sie in jener Zeit zu erdulden hatte!
[..] Dann nahm ich
abermals ein genaues Krankheitsbild auf, welches genau mit dem, zuerst vor
einem Jahre aufgezeichneten übereinstimmte, zum sichern Zeichen, nicht nur,
dass hier noch der Phosphor eben so wie früher indizirt war, sondern auch, dass
er in den wiederholt gegebenen grossen Gaben nichts gebessert hatte. Nicht ohne
Furcht vor zu heftiger Wirkung und mit Zittern reichte ich nun, gleich nach
einem Asthmaanfalle gewöhnlicher Art, eine kleine Gabe Phosphor. 30, nämlich
zwei feinste Streukügelchenund der Erfolg zeigte, dass meine Besorgniss
nicht ungegründet gewesen war, indem nach 5 Tagen eine heftige Erstwirkung des
alten Leidens und zugleich von den oben verzeichneten Phosphor-Symptomen alle
durch Sperrschrift ausgezeichnete und noch mehr der übrigen wieder zum
Vorschein kamen. Indessen dauerte diese homöopathische Verschlimmerung
nur kurze Zeit, und gleich darauf trat eine sichtliche Besserung ein, welche
mit nur wenigen, einige Stunden langen Unterbrechungen, und mit Abnahme der
Dauer und Heftigkeit der gewöhnlichen asthmathischen Anfälle, über drei Monate
lang fortschritt.
Sonach war also Phosphor, welcher in
den übergrossen, wenn auch im Vergleiche mit allopathischen Verordnungen
unerhört kleinen Gaben so grossen und dauernden Schaden gebracht hatte, als die
am besten homöopathisch passende Arznei, hier immer noch das wahre Heilmittel
und bewährte vollkommen dasjenige, was der scharfsinnige Vater der Homöopathie
im ersten Bande seines Buchs ``über die chronischen Krankheiten´´ Seite 149 für
solche Fälle gelehrt hatte.
Ich erwähne nun nur noch mit wenigen
Worten, dass der Phosphor bis zu Ende der Kur das einzig angezeigte und Heilung
befördernde Mittel blieb, bei dessen Fortgebrauch, jedesmal nach 3, 4 Monaten
eine solche kleinste Gabe, und einem paar nöthig scheinenden Zwischengaben von
Nux vom. und Hep. sulph. calc., beide in eben so hoherVerdünnung und gleich gemässigter Gabe, ich
nach anderthalb Jahren die grosse Freude erlebte,tl[xvi]
Dieser Teil lässt sich, wie oben
erklärt, nicht völlig widerlegen, jedoch schreibt v. Bönninghausen auch daauf keinen Fall “die ganze Wahrheit”. Er hat
“vergessen” zu erwähnen, dass Clemens schon 2 mal vorher jeweils 2 globuli von
Phos. C 30 bekommen hatte: 1830 und 1832. Die beiden Male hatte das Mittel
nichts bewirkt oder nicht dauerhaft etwas bewirkt. Bis zum Juni 1833 waren
asthmatische Beschwerden fast immer (Ausnahme akute Zwischenfälle) Teil der
Fallaufnahmen oder auch die einzigen Beschwerden. Die Ausgangslage für eine
eventuelle Änderung der Behandlung hin zu öfter wiederholten Tiefpotenzen war
also offensichtlich die Erfolglosigkeit der Hochpotenzen in Einmalgabe gewesen.
Gerade dieser Bericht wird auch heute
immer zur Hilfe genommen, um zu zeigen, wie potentiell schädlich die Art der
Mittelgabe ist, wie sie die meisten Tiefpotenzler praktizieren. Was v.
Bönninghausen gesagt hat, hat noch jetzt mehr Überzeugungskraft als alle
Erfahrung der letzten 150 Jahre.
Die Geschichte des eigenen Ileus.
Wir werden sehen, ob er sich hier
streng an dem tatsächlichen Verlauf orientiert hat.
Der erste Fall betraf mich selbst im
Mai des Jahres 1833.
Das kann nach seiner eigenen Erzählung
nicht stimmen, da er zum Abschluss schreibt:
und schon wenige Tage darauf konnte ich meinem theuern Freunde und Lehrer
Hahnemann von meiner Rettung aus der drohenden Todesgefahr Nachricht
geben. [...] Mein zuletzt erwähntes
Schreiben traf nämlich in einem Augenblicke in Cöthen ein, wo Hahnemann selbst
schwer erkrankt war, so dass seine Antwort vom 28. April 1833 in den ersten
Tagen des Monats Mai in meine Hände gelangte. [xvii]
Das ist keine Erbsenzählerei sondern
insofern wichtig, als dass es die weiter unten angeführten Daten aus dem
Krankentagebuch bestätigt, womit wiederum sichergestellt ist, dass sich diese
Eintragungen tatsächlich auf den im Artikel beschriebenen Krankheitsfall
beziehen.
Hier ist dieser Fall, wie v.
Bönninghausen ihn in dem Artikel “Die 3 Cautelen Hahnemanns” geschildert hat.
Nach übermässiger Geistesanstrengung, zu vielem Sitzen und Nachtwachen im
Laufe des Winters, veranlasst durch
viele Dienstarbeiten, welche mir, damals noch mit einem geschäftvollen
Amte bekleidet, oblagen, und neben welche ich, gleichsam zur Erholung, meine
Studien über Homöopathie und Botanik zu anhaltend fortgesetzt hatte, fühlte ich
mich schon zu Ende Februar unwohl, mit verlornem Appetit, Abmagerung, trägem
Stuhl u. dgl., ohne eigentlich krank zu sein. Aus Mangel an charakteristischen
Zeichen nahm ich keine Arznei, sondern änderte nur meine Lebensweise und Diät,
in der Hoffnung, dadurch wieder gut zu machen, was durch offenbare
Fehlerhaftigkeit der frühern verdorben war. Indessen ward meine Erwartung
getäuscht: meine Beschwerden nahmen von Tag zu Tag zu und wurden vermehrt durch
einen krampfhaft zusammenschnürenden, sehr heftigen Schmerz in der rechten
Unterleibs-Seite mit starker Auftreibung desselben und gänzlicher Verstopfung.
Ich versuchte nun einmal Riechen an Nux vom. 30. , aber ohne den mindesten
Erfolg, ja gar mit Verschlimmerung. Meine Leiden steigerten sich indessen immer
mehr; ich hatte nun schon in 11 Tagen keine Öffnung mehr gehabt, die Schmerzen
der Unterbauchsseite waren fürchterlich, und andere Zeichen gaben deutlich zu
erkennen, dass ich an einer Art von Ineinanderschlingung der Gedärme (Ileus) an
den schmerzhaften Stellen litt. Dieser Zustand war um so verzweifelter, als das
während der letzten Hälfte des Verlaufs meiner Krankheit genau gezeichnete und
von Tag zu Tage vervollständigte Symptomenbild, welches ich, als auf einen
besondern Bogen geschrieben, eben jetzt nicht wiederfinden kann, keinem
einzigen von allen den homöopathischen Mitteln in Ähnlichkeit entsprach, die
sich bisher gegen diese Art von Leiden hülfreich erwiesen hatten. In dieser
Noth, welche nun den höchsten Grad
erreicht hatte, besuchten mich, ausser zweien hiesigen, von mir zur Homöopathie
bekehrten ältern Ärzten, zwei andere, entfernt wohnende, -- welche, (wenn sie
dieses lesen, sich gewiss dessen noch mit Freude erinnern werden), -- und alle
vier riethen zu Nux vom. in grösseren Gaben, als das in solchen Fällen am
öftersten dienliche Arzneimittel. Ich befolgte, obwohl gegen meine Überzeugung,
diesen einstimmigen Rath und nahm am 11 ten Tage Abends einen ganzen Tropfen N.
vom. 12, aber nicht nur ohne Erfolg, sondern mit einer Verschlimmerung und mit
Hinzutritt neuer, deutlich als Erstwirkungen dieser Arznei zu erkennenden
Symptome, welche die Unangemessenheit derselben, wie ich es vorhersah,
bewiesen. Am folgenden (12 ten) Tage kamen meine Freunde wieder zu mir,
erkannten den Missgriff und riethen nun zu Cocculus, wovon ich sogleich einen
Tropfen von der 6 ten Verdünnung nahm. Diese, ebenfalls den Symptomen nicht
entsprechende Arznei that gar keine Wirkung und bei dem am Nachmittage
wiederholten Besuche, wo sie in wohlmeinender Absicht noch andere, ebenfalls
unpassende Arzneien zum Versuche in Vorschlag brachten, erklärte ich rund
heraus, ich würde nun nicht eher wieder ein anderes homöopathisches Mittel
nehmen, als bis mir die homöopathisch richtige Wahl deutlich und bestimmt
erwiesen wäre. -- So standen am Abend des 12 ten Tages die Sachen und es blieb
nur wenig Hoffnung übrig, mich meiner zahlreichen Familie erhalten zu sehen,
als ich mit der angestrengtesten Willenskraft meine ungeheuern, bis jetzt stets
im Zunehmen begriffenen Unterleibsschmerzen überwindend, mein Symptomenbild zur
Hand nahm und beschloss, nicht eher nachzulassen, bis ich entweder ein
passendes Mittel gefunden hätte, oder durch den Tod von365* meinen Qualen befreit wäre. Es war Mitternacht
geworden, ehe ich damit zu Stande kam, in der Thuja eine Arznei zu finden, in
deren Symptomen das Charakteristische meiner Beschwerden so deutlich enthalten
war, dass ich mir sofort das Etui reichen liess und mit jedem Nasenloche nur
einmal an die vor Jahr und Tag mit der 30 sten Verdünnung derselben
befeuchteten Streuküchelchen aufroch. Wer beschreibt des Verzweifelnden Freude,
wenn er sich gerettet sieht? -- Schon nach 5 Minuten verminderten sich meine
Schmerzen in der leidenden Stelle des rechten Unterbauchs, und nach 10 Minuten
hatte ich eine sehr reichliche Stuhlausleerung nach einer 13 tägigen
Verstopfung. Ich fiel gleich darauf in einen erquickenden, so lange entbehrten
Schlaf, und als meine Freunde am folgenden Tage mich wieder besuchten, waren
sie nicht weniger erfreut als erstaunt, als ich ihnen den Hergang von der
letzten Nacht erzählte. Die Besserung meines Befindens behielt nun ohne weitere
Arznei ihren ruhigen Fortgang, und schon wenige Tage darauf konnte ich meinem
theuern Freunde und Lehrer Hahnemann von meiner Rettung aus der drohenden
Todesgefahr Nachricht geben.[xviii]
Für das Verständnis des Falles anhand der Eintragungen in den
Krankenjournalen weiter unten sind die folgenden Erklärungen erforderlich:.
Die Krankenjournale zwischen 1830 und
1835 sind verschieden sowohl von dem ersten. KJ, in dem v. Bönninghausen sehr
ausführlich berichtet, und den späteren, deren Format ab Kapitel 1 angeschaut
werden kann. Die KJ von 1830 - 35 sind in Form eines Tagebuchs geführt und sehr
kurz gehalten; das bedeutet, das jede Konsultation nur eine Reihe auf einer
Seite in Anspruch nimmt.
Wegen dieser Kürze kann ich den
gesamten Fallverlauf hier im Original darstellen..
Die erste Kardinalzahl bedeutet die
Stelle in der Reihenfolge der Patienten, also z. B. 7 - als 7. Patient des
Tages.
Danach folgt der Name des Patienten -
in seinem eigenen Fall “ich selbst”.
Dann die Beschreibung der Krankheit.
Darauf die VerschreibungEn.
Die Zahl in Klammern ab 2. Eintrag
bedeutet die Seite im Tagebuch der vorherigen Konsultation.
1833
25. Febr.
7. Ich selbst. Heftiges Leibweh und
Übelkeit. 1 Ipec. 2 Nux v. R
26. Febr.
5.Ich selbst (10.) Unterleibs-Entzündung
Puls R. und Lyc C 30 R abwechselnd
10 März
2. Ich selbst (11.) wieder heftige
Unterleibsschmerzen Sulph C 30 R
11. März
3. Ich selbst (13.) die Nacht sehr
leidend, jetz auch Leberentzündung. Acon C 30 R Nux C 30 R.
12. März
1. gestern Abend besser aber die
Arznei gestört. Op C 30 Nux R.
13. März
1. Ich selbst (13.) wieder eine
schlimme Nacht Veratr C 30 R., darauf erhöhte Besch
. Ich selbst (13.) Nachmittags 3
Tassen Kaffee, darauf Öffnung [Stuhlgang]. Abends Nux R.
14. März
2. Ich selbst (13.) eine sehr böse
Nacht. früh Thuj. C 30 R. allmählig besser
15. März
3. Ich selbst (13.) die Nacht gut;
vormittags viel Leibschmerz, nachher gut.
16. März.
1. Ich selbst (13.) die Nacht gut,
aber viel Schweiß. Arn. C 12. R. Öffnung. Cocc. R.
17. März
1. die Nacht sehr gut, aber viel
Schmerz in dem verhärteten Coecum - Merc. C 9 R.
18. März
1. Ich selbst (14.) die Nacht gut,
auch am Tage, Abends etwas verschlimmert Arn. R.
19. März
1. Ich selbst (14.) starkes Schrunden
über Bauchstelle. Sulph. ac. C 30 R.
20. März
1. Ich selbst (14.) gut geschlafen und
überhaupt besser.
21. März
4. Ich selbst (14.) die Nacht gut.
Lyc. C 30 R. worauf gleich erhöhte Beschwerden.
23. März
2. Ich selbst (14.) gestern nachmittag
wieder schlimmer - Thuj C 30 R.
24. März
1. Ich selbst (14) heute Morgen
abermals Thuj C 30 R. - darauf Öffnung.
26. März
2. Ich selbst (14.) noch Verstopfung
und Knoten in der rechten Unterleibsseite. Bell C 30 R.
27. März
1. Ich selbst (15.) Bellad C 24 R.
31. März
3. Ich selbst (15.) Amm C 18 R. -
darauf zu Mittag blähende Kolik.
1. April
1. Ich selbst (16.) Amm C 18 R. darauf
gleich Leibweh und betäubter Schlaf
4. April (16.)