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Projekt v. Bönninghausen






Vorwort




An dieser Stelle möchte ich allen Mitarbeitern von IGM-Bosch danken. Sie haben mir die Möglichkeit der Recherchen am Institut gegeben, und sie waren so hilfreich und freundlich, dass der Aufenthalt dort eine rechte Freude war.
Weiterhin möchte ich Teresa Kramer danken. Nicht nur ist ihr Verdienst als "copy-editor", dass der englische Text wahrscheinlich stilistisch und sprachlich besser ist als der deutsche, sie hat mich auch auf viele Textstellen hingewiesen, an denen meine Erklärungen nicht nachvollziehbar waren.

 


Das Ziel des „Projekts v. Bönninghausen“ ist, wie in der Projektbeschreibung erwähnt, Rohdaten zur Verfügung zu stellen. Um jedoch aus diesen Daten Nutzen ziehen zu können, ist ein gewisses Maß an Objektivität erforderlich.


Obwohl ich bis jetzt erst die 10 unten veröffentlichten Patientenbögen gelesen habe und somit über die Erfolgsquote der v. Bönninghausens noch nicht viel weiß, so vertraue ich doch darauf dass die 150 zur Veröffentlichung vorgesehenen Krankenakten objektive Beweise für die potentielle Wirksamkeit der Homöopathie zeigen, so dass Skeptiker - nicht zu verwechseln mit Dogmatikern zumindest zum Nachdenken angeregt werden könnten.


Jedoch brauchen auch die Homöopathen Objektivität, d.h. eine offen-kritische Einstellung. Die Krankenakten werden evtl. auch sie zum Nachdenken anregen; denn die Erfolgsquote der v. Bönninghausens wird wahrscheinlich nicht so hoch sein, wie man es aufgrund der Veröffentlichungen des Vaters, Clemens Maria, erwarten sollte. Weiterhin sind die Fallverläufe in den meisten Fällen sicherlich nicht so glatt wie er sie dort beschrieben hat.


Einen weiteren Anstoß zu einer gewissen Skepsis, was v. Bönninghausens Veröffentlichungen (im Gegensatz zu seiner praktischen Arbeit) betrifft, mögen die nachfolgenden Seiten geben. Es sind dies die Resultate von Vergleichen einiger in v. Bönninghausens Publikationen beschriebenen Fälle mit den entsprechenden Krankenakten, die als Manuskripte bei IGM-Bosch in Stuttgart archiviert sind.


Viele seiner Beispielsfälle in Büchern und Artikeln haben zu dogmatischen Festlegungen auf Seiten der Klassischen Homöopathen geführt, und schon aus diesem Grund ist eine Portion Skepsis ihnen gegenüber kein Fehler.


 


Es gibt seit 150 Jahren Tausende und Abertausende Berichte, sowohl mündlich als auch in der homöopathischen Literatur, über die Heilung schwerer und leichter Krankheiten durch die Homöopathie. Von den Wissenschaftlern, Schulmedizinern und so genannten Skeptikern werden sie, gemäß ihrer Geisteshaltung und ihrem Vor-Verständnis/Vor-Urteil, für Erfindungen gehalten -- zumindest ist das die einzig logisch mögliche Erklärung, warum sie ihnen 150 Jahre langkeinerlei Beachtung geschenkt haben. Auf der anderen Seite akzeptieren viele Menschen, sowohl Homöopathen als auch Nicht-Homöopathen, diese Berichte völlig unkritisch - ohne auch nur in Betracht zu ziehen, dass sie oder ein Teil von ihnen tatsächlich erfunden oder doch zumindest geschönt sein könnten.


Beide Auffassungen sind extrem unwahrscheinlich..


Überprüfbar auf ihren Wahrheitsgehalt sind sie selten. Die "alten" homöopathischen Ärzte, die diese Bücher oder Artikel veröffentlichthaben, sind tot und ihre Krankenakten zum allergrößten Teil vernichtet oder nicht auffindbar. Die Aufzeichnungen der heutigen Homöopathen sind zwar vorhanden aber nicht zugänglich.


Glücklicherweise gibt es Ausnahmen. Die Krankenakten einiger verstorbenen Homöopathen sindim Archiv des “Instituts für die Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung”, kurz “IGM-Bosch”, noch vorhanden. Neben dem Nachlass einiger Ärzte der neueren Zeit sind dies vor Allem die Krankenjournale von Hahnemann und v. Bönninghausen, Vater und Sohn.


Clemens Maria v. Bönninghausen, der Lieblingsschüler Hahnemanns, hat, im Gegensatz zu seinem Meister, recht viele seiner Fälle veröffentlicht. Seine Krankenjournale sind als Manuskripte erhalten, und deswegen können die von ihm veröffentlichten Fälle z. T. mit den Krankenakten (den Krankenjournalen) verglichen werden.


Es dürfte unbestritten sein, dass Krankenakten die Fakten so wiedergeben, wie der Therapeut sie zum Zeitpunkt der Behandlung nach bestem Wissen und Gewissen beurteilt hat. Das kann man jedoch für Veröffentlichungen jedweder Art nicht unbedingt annehmen. Wenn also zwischen den Einträgen in einer Krankenakte und der Veröffentlichung desselben Falls Unterschiede bestehen, so muss man zweifellos den ersteren glauben.


Bei v. Bönninghausen gibt es möglicherweise viele solcher Unterschiede zwischen seinen Veröffentlichungen und den mehr oder weniger ausführlichen Einträgen in den entsprechenden Krankenakten. Die unten folgenden Beispiele solcher Diskrepanzen sind mir bei der Transkription des ersten Krankenjournals spontan aufgefallen, weil ich, wie wohl fast jeder Homöopath, die veröffentlichten Versionen kannte. Ich habe nicht nach weiteren solcher Fälle gesucht - ich weiß also nicht, wie häufig v. Bönninghausen in seinen Veröffentlichungen „die Wahrheit modifiziert“ hat.


Hahnemann hat sich in seinen Veröffentlichungen fast ausschließlich auf die Theorie beschränkt, was die meisten Homöopathen bis heute sehr bedauern. V. Bönninghausen dagegen hat mit Beispielen nicht gegeizt. Die Fälle in seinen Veröffentlichungen sollten die An- und Einsichten, die Theorien usw., die er in dem jeweiligen Artikel oder Buch vertrat, illustrieren und untermauern.




Bis heute werden gerade v. Bönninghausen's Fälle oft zu "Beweisen" für Dogmen der Homöopathie herangezogen. Es wäre deshalb weitere Forschung mit Vergleichen wünschenswert, um zu erkennen, inwieweit wir seinen Berichten Glauben schenken können.




Die Geschichte von der Wunderbaren Heilung des Clemens v. Bönninghausen von der Schwindsucht - Mythos oder Tatsache?


Wenn man irgendwo irgendetwas über v. Bönninghausen liest oder hört, so schließt dieses “Irgendetwas” fast immer seine an Wunder grenzende Heilung von der Tuberkulose durch den homöopathischen Arzt Weihe ein. Die Geschichte wurde in mehreren Versionen überliefert. Alle gehen auf v. Boenninghausen selbst zurück, der darüber mehrmals berichtet hat, manchmal kurz, manchmal sehr ausgeschmückt.


Die ausführlichste Version ist wohlin der Biographie von F. Kottwitz[i] , die als Standardwerk gilt, wiedergegeben. Sie ist wissenschaftlich sehr gut belegt, denn Kottwitz gibt als Referenz den Lebenslauf v. Bönninhausens an, der als Manuskript im Archiv von IGM-Bosch aufbewahrt wird[ii] und der - wiederum nach Kottwitz -  in “Kleinert: Geschichte der Homöopathie” 1863 veröffentlicht wurde[iii].Obwohl das Manuskript nicht in v. Bönninghausens Handschrift ist, geht Kottwitz davon aus, dass er der Autor ist. Wahrscheinlich hat v. Bönninghausen ihn für das Kleinertsche Buch geschrieben und die in seinem Nachlass gefundene Handschrift war eine Abschrift für seine eigenen Unterlagen, die er natürlich nicht selbst angefertigt hätte. Das Manuskript ist 1862 datiert, genau die Zeit, in der Kleinert an seinem Buch gearbeitet haben dürfte und in dem er v. Bönninghasuen um seinen Lebenslauf gebeten hätte.


Der für dieses Thema interessante Teil des Lebenslaufs lautet:


Eine ernstliche Zerrüttung  seiner bisher so dauerhaften Gesundheit im Herbste 1827, die von zweien der berühmtesten Ärzte, für eitrige Schwindsucht erklärt wurde, und sich bis zum Frühjahr 1828 immer verzweifelter gestaltete, war die erste Veranlassung, daß B. mit der Homöopathie bekannt. wurde. Als nämlich so ziemlich alle Hoffnung auf Genesung aufgegeben war, schrieb er einen Abschiedsbrief an seinen alten und unvergeßlichen botanischen Freund, den Med. Dr. A. Weihe zu Herford, welcher der erste homöopathische Arzt in ganz Rheinland und Westfalen war, ohne daß B. solches wußte, weil die häufige Korrespondenz zwischen Beiden sich stets nur um botanische Gegenstände herumdrehte. W., von dieser Nachricht heftig ergriffen, antwortete sogleich und verlangte eine ganz genaue Beschreibung der Krankheit und deren Nebenzeichen, und sprach die Hoffnung aus, daß er vermöge der neu entdeckten Heilmethode, vielleicht noch im Stande sein würde, einen ihm so schätzbaren Freund zu retten.

     

Weihe rettete ihn

durch eine Gabe Puls(atilla) 30, der er 4 Wochen später eine Gabe Sulph[ur] 30 folgen liess, das Leben ]...]. Mehr war zur Herstelllung nicht nöthig [...], obwohl die Krankheit über 9 Monate gedauert hatte und [... er sich] bereits ausser Stand [fühlte], auch nur hundert Schritte ohne Ausruhen zu gehen.[iv]


Mit Ausnahme von v. Bönninghausens Publikationen und deren Manuskripten  scheint das die einzig Quelle für den Bericht über diese Heilung zu sein. Die Anamnese, die v. Bönninghausen für seinen eigenen Fall geschrieben hat, ist von dem obigen sehr verschieden.


V, Bönninghausen hat im Sept. 1829 angefangen, homöopathisch zu behandeln. Das kann man aus seinem ersten Krankenjournal ersehen, dessen Manuskript im Archiv von IGM-Bosch aufbewahrt wird[v]. Seine erste Patientin war danach seine Kusine Annette von Droste-Hülshoff, die mit dem Einverständnis ihres Hausarztes - der sie aufgegeben hatte - die “Homöopathie ihre Vetters” versuchte. Nachdem der Erfolg der Behandlung ersichtlich und bekannt wurde, kamen weitere Verwandte und Freunde um “einmal die Homöopathie zu gebrauchen“. V. Bönninghausen hatte durch die erfolgreiche Behandlung Annettes anscheinend Selbstvertrauen gewonnen und nahm ab etwa Oktober 1829 Patienten an. Vor allem behandelte er nach diesem Datum auch seine engere Familie nebst Dienerschaft - und auch sich selbst. Es gibt in dem ersten Krankenjournal seine eigene von ihm selbst geschriebene Krankenakte. Allerdings führt er sich selbst als Patienten unter dem Namen „Egomet ipse“. Die Krankengeschichten dieser ersten  Patienten, 90 an der Zahl,  sind in dem Journal - Sept. 1829 bis etwa April 1830 - (zum größten Teil sehr ausführlich) festgehalten und nummeriert. Er selbst ist Nummer 20. Fast jede dieser Krankengeschichten schließt eine Anamnese ein. Seine eigene Anamnese lautet wie folgt:[Buchstaben- und zeichengenau, jedoch nicht zeilengenau, transkribiert]


 20.Egomet ipse.


 Frühere heftige und lange anhaltende Gicht, das vorigjährigen und noch nicht völlig getilgte Blutspeien, ferner Haaraussfallen, leichte Verkält- lichkeit, leichtes Verhäben, Schweiß bei der geringsten Bewegung u. d. gl. mehr geben Anzeigen genug, daß auch hier Psora vorhanden seie, und, ohne eben von diesen Beschwerden sonderlich belästigt zu sein, war doch völlige Gesundheit so wünschenswerth, dass der Beschluß leicht ge- fast wurde, ebenfalls die leichte antipsorische Kur zu gebrauchen.


die Überzeugung von der sehr merklichen Wirksamkeit der kleinen dosen homöopathischer Arzneien stand ohnedem fest, durch  die eben so schnelle als treffliche Wirkung, welche Nux vomica und Dulcamara, letztere bei Erkältungsübeln, denen ich sehr ausge setzt bin, bereits gezeigt haben.


Noch am 3. Nov. d. J. heilte Nux vomica in 10 Minuten Abends einen Schwindel, wahrscheinlich von übermässigen Kopfarbeiten und Stubensitzen entstanden, der aber auf einer Promenade vor dem Thore nicht verging. Ein Tropfen C 12, Abends genommen, erzeugte eine sehr bedeutende Vermehrung dieses Schwindels, so daß ich glaubte, närrisch zu wer den, und 10 Minuten nachher war ich völlig hergestellt.[vi]


Hier fällt sofort auf, dass er bei den Mitteln, die ihn von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt haben, Pulsatilla und Sulfur mit keinem Wort erwähnt, dagegen Dulcamara und Nux vomica enthusiastisch lobt.


Würde die Geschichte seiner wundersamen Heilung durch Pulsatilla und Sulfur auf Tatsachen beruhen, so wäre ein Auslassen dieser Mittel doch wirklich das allerseltsamste Phänomen, das man sich denken kann. Bestimmt hätte er doch ihre Wirkung, ihn vom Tode zu erretten, als wichtiger und  bemerkenswerter angesehen als die Wirkung von Dulcamara bei seinen Erkältungen oder von Nux vom. bei seinem Schwindel!


Weiterhin ist eine Erkrankung an Tuberkulose 1827/1828 , und gar einer eitrigen Tuberkulose,  überhaupt nicht erwähnt - lediglich ein “vorjähriges Blutspeien”. Im Vergleich zu der Beschreibung seiner “heftigen” Gicht ist das „vorjährige Blutspeien“ dazu  eher leichthin abgehandelt. Es ist keine Rede von  “großer Schwäche”, von Tuberkulose als Diagnose, von “einer Lebensgefahr” etc. Diese Erkrankung wäre ein wichtiger Teil der Anamnese gewesen, es ist undenkbar, dass er sie ausgelassen hätte.


Wäre also eine so schwere Erkrankung wie Tuberkulose sie zu dem damaligen Zeitpunkt war - durchaus so ernsthaft wie heute Krebs oder AIDS und dementsprechend gefürchtet -  in seiner Vorgeschichte nicht wichtig gewesen - zumindest so wichtig wie die Heftigkeit der Gicht? So wert einer ausführlichen Beschreibung wie der Schwindel? Anstatt nur leichthin “letztjähriges Blutspeien” zu erwähnen?


Auch bei der Aufnahme des Ist-Zustands - es war ja “noch nicht getilgt” nimmt er es nicht weiter ernst. Zusammen mit Haarausfallen etc. ist es lediglich eines der Zeichen der Psora, die ihn jedoch nicht sonderlich belästigen. Als Zeichen einer nicht ausgeheilten, noch immer durch “Blutspeien” manifesten Tuberkulose hätte er es ganz bestimmt nicht so leicht genommen.


Außerdem würde diese nicht ausgeheilte Tuberkulose auch den Angaben im Lebenslauf widersprechen, nach denen er nach den beiden Mitteln wieder “hergestellt” war.


“Blutspeien” kommt in den Anamnesen des Krankenjournals recht häufig vor, ohne Hinweise darauf, dass es ein Zeichen der „Schwindsucht“ sei. Z. B. , bei Patientin 4. “Trudchen Hegemann, den dreißigern nahe”[vii]              


   [..] - bekam als 6jähriges Kind die Krätze, welche 3 Jahr lang mit Schmieren behandelt und endlich äußerlich vertrieben wurde.Sie hatte daraufspäter beständig Brustbeschwerden, bekam im 18 Jahr Blutspeien, worauf sie sich erleichtert fühlte, und vor 6 Jahr Augenschmerzen. [..]


Auch hier hat er das “Blutspeien” anscheinend nicht sonderlich ernst genommen, es “brachte sogar Erleichterung” und in der Tat war die Patientin anscheinend in den 10 Jahren zwischen Blutspeien und Anamnese nicht  schwer krank gewesen. (Sie war Köchin bei Frau v. Droste-Hülshoff)


Für Fälle von Tuberkulose hat er dagegen die Diagnose Tuberkulose oder „Schwindsucht“ verwendet - u. A. bei Annette v. Droste-Hülshoff und bei einer Patientin Frau Krause, die er als „hochgradig schwindsüchtig“ diagnostizierte. Diese Diagnose hat er durchaus nicht leicht genommen und so nebenbei abgetan. Man lese im Vergleich den von ihm veröffentlichten Fall der Dichterin. Hierbei entspricht die Anamnese der Veröffentlichung im Wesentlichender der Krankengeschichte in dem Journal, woraus ersichtlich ist, dass er schwere Krankheiten auch durchaus dramatisch schilderte.


Es stellt sich natürlich die Frage, warum v. Bönninghausen, den wir sicher als rechtschaffenen und auch im Grunde ehrlichen Menschen ansehen müssen, eine solche hochdramatische Geschichte erfunden haben sollte, die zu einem Mythos der Homöopathie geworden ist.


Über die Antwort können wir lediglich spekulieren, aber mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit mag sie lauten, dass er damit die Homöopathen von der Wirksamkeit der Hochpotenzen, und dies in einmaliger und kleinstmöglicher Gabe, überzeugen wollte, nachdem in Deutschland inzwischen die  einflussreichsten Homöopathen die Hochpotenzen als unsinnig abqualifizierten und wiederholte und recht große Gaben von Tiefpotenzen verschrieben. Diese “Tiefpotenzler” waren nicht nur einflussreich sondern auch zahlenmäßig sehr viel stärker als die Hochpotenzler - die letzteren waren zu Außenseitern geworden.


V. Bönninghausen selbst beschrieb das schon 1848 in seinem Artikel “Erfahrung und die Hochpotenz”[viii]


[..] Ungefähr in den nämlichen Minoritäts-Verhältnissen wie damals eine längere Reihe von Jahren hindurch die Homöopathen gegen Allöopathen standen, stehen heute die Anhänger der Hochpotenzen zu den Gegnern derselben; [..][ix]


V. Bönninghausen gehörte zu den leidenschaftlich und fest überzeugten Verfechtern der Einmalgabe von Hochpotenzen in Minimaldosierung, und er kämpfte für diese Methode. Der Kampf wurde mit harten Bandagen geführt, und er stand wahrscheinlich recht allein. Ist es zu weit hergeholt, zu sagen: Im Krieg und in der Liebe sind alle Mittel erlaubt?


Gerade als Nicht-Arzt hatte ergegen seine Widersacherim direkten Kampf wohl wenig Möglichkeiten, sich durchzusetzen, wo doch selbst Hahnemann gegen seine Widersacher innerhalb der Homöopathen schon viele Jahre vor seinem Tode einen schweren Stand gehabt hatte, trotz seiner Berühmtheit und seines Status als Begründer der Methode. Im Jahre 1833 schrieb er an v. Bönninghausen:


So sehr ich mich zusammen genommen habe, so mag doch einiger Ärger über -- -- -- -- --  dazu beigetragen haben, dass mich ein Erstickungs-Katarrh befiel, der 7 Tage vor dem 10. Aprilund 14 Tage nach demselben mich zu erdrosseln drohte


Anders als Hahnemann war v. Bönninghausen  mit höfischer Diplomatie wohl vertraut, und im Gegensatz zu diesem hat er auch wohl nicht unbedingt auf Konfrontation gesetzt. Er hat sich in seiner Diplomatie sicher durch den großen Erfolg, den er in Westfalen bei der Bekehrung allopathischer Ärzte zu Homöopathie gehabt hatte, bestätigt gesehen. Kriege gegen eine Übermacht können eben auch auf andere Weise geführt werden.


Dass sich die Stellung der Hochpotenzler zwischen 1833 bzw. 1848, dem Datum der obigen Zitate, und 1862 nicht verbessert hatte, wird in einem Artikel “Zur Würdigung der Hochpotenz”, den v. Bönninghausen 1860 in der “Allg. Homöopath. Ztg” veröffentlichte[x] .demonstriert Er schrieb da über Fincke:


Er  hat ohne Zweifel mit mehreren von uns die Erfahrung gemacht, dass die höheren Dynamisationen, auch bei unvollständiger Aehnlichkeit, oft noch sehr gute Wirkung hervorbringen, wo die niedrigen Verdünnungen derselben Arznei gänzlich versagen [?Red]


Die Impertinenz des Redakteurs oder der Redaktion, als Kommentar ein Fragezeichen in den Artikel zu bringen, sagt wohl genug über das damalige geringe Ansehen der Hochpotenzen (und der Hochpotenzler) aus!!


Es gab also auf jeden Fall reichlich Gründe für v. Bönninghausen, eine beeindruckende Heilung zu veröffentlichen - und damals wie heute war zweifellos eine persönliche Geschichte ganz besonders eindrucksvoll.


Eine solche Heilung wie oben beschrieben, durch jeweils lediglich jeweils eine einzige Gabe, nur je 2 globuli von nur 2 Mitteln in Hochpotenz - dessen konnte sich sicher kein Tiefpotenzler rühmen. Dieser “Lebenslauf”, geschickt in die “Geschichte der Homöopathie” lanciert,  hatte höchstwahrscheinlich einen unerhörten Propaganda-Effekt für seine Methode, der in Anbetracht der oben beschriebenen Lage mehr als wünschenswert war. Dieser Effekt wirkt bis heute. Selbst Menschen, die nur oberflächlich mit der Homöopathie bekannt sind, haben mir die Geschichte erzählt. Einmal gehört, nie wieder vergessen!


Es hatte einen zweiten Effekt, der auf jeden Fall auch beabsichtigt war. Ohne einen solchen Bericht hätten viele Homöopathen zwar geglaubt, dass die volle Heilung einer chronischen Krankheit in ihrem Endstadium durch einmalige Gabe von nur 2 Hochpotenzen möglich ist,--nach der Veröffentlichung dieses “Falls” “wussten” sie es.





Die Krankengeschichte von v. Bönninghausens ältestem Sohn Clemens


Es ging bei der Auseinandersetzung mit den Tiefpotenzlern aber nicht nur um den Beweis der möglichen und sogar besseren Wirksamkeit der Hochpotenzen, es ging auch um den Nachweis, dass die  Hahnemannsche Cautele, dasselbe Mittel nicht öfter als einmal und nur als Minimaldosis  zu geben, berechtigt war. Die Tiefpotenzler haben diese Cautele wohl nie ernst genommen und nie beachtet.


Schon damals fragten die Einmalgaben-Verfechter, ob die Methode der Tiefpotenzler noch Homöopathie genannt werden könne -- es hat sich offensichtlich in mehr als 150 Jahren nicht allzu viel verändert.


Ich frage endlich alle diese Herren, sowohl Homöopathen als Spezifiker, die früher Homöopathen waren, auf Ehre und Gewissen, ob sie nun, namentlich in den wahren chronischen Krankheiten, seitdem sie massivere Gaben in schnellen Wiederholungen geben, glücklicher, schneller und dauerhafter heilen, als früher, wo sie noch genau auf dem Wege wandelten, den ihnen der Stifter der Homöopathie offen und treulich angedeutet hatte? [xi]


Aber wichtiger als das oben zitierte: V.Bönninghause war offensichtlich  davon überzeugt, dass  wiederholte Gaben - auch in Tiefpotenz - schädlich sein können oder sogar müssen. Um dies den Kollegen oder “den Spezifikern, die früher einmal Homöopathen waren” eindrücklich klar zu machen, bediente er sich auch hier eines sehr persönlichen Beispiels - es betrifft seinen Sohn Clemens.


Zu Anfange dieser Schrift wurde schon erwähnt, dass auch ich dem beinahe gemeinsamen Schicksale der deutschen Homöopathen nicht entging, im Darreichen grösserer und oft wiederholter Gaben. Ich glaube es daher meinen Lesern schuldig zu sein, hier noch in möglichster Kürze zu erzählen, welche zwei mich selbst sehr nahe betreffenden Fälle, ausser den ununterbrochen, von meinem Freunde und Lehrer Hahnemann erhaltenen Warnungsschreiben und vielen andern Erfahrungen, mich bald wieder bewogen, zu den kleinsten und seltenen Gaben genau homöopathisch gewählter Arzneien zurückzukehren, und zwar so, dass alle spätern Behauptungen vom Gegentheile auf mein Thun ohne Einfluss blieben.[xii]


[..]


Der zweite Fall betrifft meinen ältesten Sohn, geboren am 15. September 1814, gegenwärtig Referendar bei der hiesigen Königlichen Regierung.


[..]


Wenige Monate nach seiner Geburt zeigte sich in seinem Gesichte ein milchschorf-artiger Ausschlag, der schnell zunahm und bald dasselbe mit einer dicken Borke bedeckte; wie  sich dieser Ausschlag in seiner schlimmsten Form zeigt. [..]


[..] So hartnäckig sich auch der Ausschlag zeigte, so musste er doch am Ende so vielseitigen Angriffen weichen, zur nicht geringen Freude seiner trefflichen Mutter. Aber diese Freude währte nicht lange. Wenige Monate nach dem Verschwinden der Milchborke und als nun eben auch die länger röthlich gebliebenen Flecken ihre natürliche Hautfarbe wieder angenommen hatten, entstanden anfangs gelinde, dann allmählig stärkere Anfälle von Brustbeengung, welche schon nach Ablauf eines halben Jahres eine solche Höhe erreicht hatte, dass man während der, alle 8 bis 14 Tage auf mehrere Tage sich ausdehnenden Anfalls-Perioden stündlich das Hinscheiden des armen Kindes gewärtigen musste.


Gegen dieses, das so ernstlich bedrohende Leiden wurde nun in der Nähe und Ferne bei berühmten und unberühmten Ärzten Hülfe gesucht, aber nirgends gefunden. [..]


Ich übergehe einen Zeitraum von mehren Jahren, während dessen ich zur zweiten Ehe geschritten, Vater mehrer Kinder geworden und in Verhältnisse gekommen war, wo ich den Rath noch sehr vieler anderer allopathischen Ärzte über den unverändert gebliebenen asthmatischen Zustand meines ältesten Sohnes einholen konnte, ohne auch nur den mindesten Erfolg


Endlich im Jahre 1828, hatte ich das Glück, nicht nur von den Vorzügen und Leistungen der Homöopathie Kunde zu erhalten, sondern auch mich selbst, den von den ausgezeichnetesten allopathischen Ärzten verloren gegebenen, vom Tode gerettet zu sehen. Aber es fehlte hier gänzlich an Homöopathen, die Allopathen zeigten entschiedenen und beharrlichen Widerwillen gegen die neue Kunst, von der sie gar nichts verstanden, und nach wiederholten, fruchtlosen Versuchen, irgend einen der bisherigen Ärzte zum Studium der neuen Heillehre zu vermögen, blieb mir nichts andres übrig, als selbst Hand ans Werk zu legen und meine sämmtlichen Mussestunden dieser schweren Wissenschaft zu widmen, .[xiii]


Das obige ist Hintergrundschilderung, zum Einstimmen für die Leser, die v. Boenninghausens „Medizinischen Schriften“ nicht zur Verfügung haben. Es ist für mein Thema nicht weiter wichtig.


Das wird in den nächsten Abschnitten anders. Dort schildert v. Bönninghausen nämlich seine homöopathische Behandlung von Clemens:


Indessen nahete der Zeitpunkt heran, wo mein Sohn die Universität besuchen sollte, und da ein Paar Mittel von kurzer Wirkungsdauer, die ich ihm gleichsam versuchsweise reichte, ohne Erfolg blieben, auch das Übel in seinen bisherigen Schranken blieb, und ich die Überzeugung gewonnen hatte, dass nur vermittelst einer anhaltenden und sorgfältig durchgeführten Kur das Ziel zu erreichen stand: so beschloss ich, diese so lange auszusetzen, bis er wieder in den Schooss meiner Familie zurückgekehrt sein, und ich selbst inmittelst meine Bekanntschaft mit der Homöopathie in dem Grade erweitert haben würde, dass ich vor Fehlgriffen sicher sein konnte. [xiv]


Im letzten Abschnitt berichtet von Bönninghausen, also, dass er die homöopathische Kur bis zur Rückkehr seines Sohnes von der Universität aufgeschoben hätte. In Wirklichkeit hat er sie jedoch am 3. November 1829 begonnen, bevor der Sohn den “Schooss seiner Familie” überhaupt verlassen hatte, also noch zur Schule ging. (dokumentiert im Journal in der Krankengeschichte des Jungen)


Ob. v. Bönninghausen dem Sohn schon vor dem 3. Nov. die oben angeführten “Paar Mittel von kurzer Dauer” gegeben hatte, so wie er selbst auch schon Nux. vom und Dulcamara genommen hatte, kann man nicht sicher sagen. Es ist aber unwahrscheinlich, weil er es sonst wohl, wie bei sich selbst (und auch anderen Patienten), in der Anamnese erwähnt hätte. .


Für die Zeit NACH dem 3. November stimmen seine Angaben in dem obigen Abschnitt auf keinen Fall.


Clemens bekam folgende Mittel:


   3. Nov. 1829 Spiritus vini sulphuratus (etwa Sulph. C1) 2 globuli - mit diesem Mittel in dieser Potenz hat v. Bönninghausen zu der Zeit fast immer seine antipsorischen Kuren begonnen


   25. Nov 1829 Calc. carb. C 18 5 globuli


   21. Dez. 1829 Nux vom. C 18 [als Zwischenarznei] 1 gutta


   10. Jan 1830     Lyc. C 18 3 globuli


   5. März 1830    Sulph. C 3 ¼ gr.


   2. Mai 1830      Phos. C 30 3 globuli


   10. Juli 1830     Sepia C 30


   27. Okt. 1830   Arnika C 6 1 globulus [nach einem Fall]


   21. Nov. 1830 Caust. C 30 3 globuli


   8. Jan. 1831      Calc. C 30 2 globuli


   17. Febr. 1831 Sepia C 30 2 globuli


   18. Apr. 1831   Sulph C 15 2 globuli


   26. Apr. 1831   Lyc. C 30 1 globulus


   27. Mai 1831    Phos. ac. C 30 1 globulus


   22. Juni 1831    Calc. C 30 1 globulus


   23. Okt 1831    Phos ac. C 30 2 globuli


   22. Nov. 1831  Nux. vom 1 globulus Riechen


   25. Nov 1831   Puls C 12 2 globuli


   28. Nov. 1831  Sulph. C 30 1 globulus


   5. Dez. 1831     Sulph. C 30 Riechen


   8. Dez. 1831     Puls. C 12 2 globuli


   25. Dez. 1831   Kali [carb?] C 30 1 globulus


   27. Dez. 1831   Nux vom. Riechen


   28. Dez. 1831   Puls. C 12 2 globuli


   29. März 1832  Nux C 30 1 globulus


   25. Mai 1832    Phosph. C 30 1 globulus


   10. Nov. 1832  Sepia C 30


   9. März 1833    1.Ph. C 30 R 2. Nux. C 30. R-


   11. März 1833  1. Ipec. R. s. Sep. C 30


   12. März 1833  Acon R. Ans. R.


   13. März. 1833 Lyc R.


   26. Apr. 1833  Arn. C 12 R


  27. Apr. 1833Sulph C 30 R.


  28. Apr. 1833Sil C 30 R.


   1. Mai 1833      Ipec. C 30 1 globulus, Phosph C 30 R


   1. Mai 1833      Ant. tart. C 30 R Magn. acet.


   2. Mai 1833      Carb. veg


   4. Mai 1833      Bry C 30 R Sass R.


   9. Juni 1833      Merc. C 30 R Nux C 30 R.


   12. Jun 1833     Seneg. C 30 R.[xv]


Das sind keineswegs “ein Paar Mittel von kurzwirkender Dauer”! V. Bönninghausen hat also diesbezüglich ohne jeden Zweifel die Unwahrheit gesagt.


Von Juni 1833 bis April 1835 taucht Clemens nicht mehr in den Krankentagebüchern auf, obwohl v. Bönninghausen selbst und der Rest der Familie weiterhin dort zwischen den anderen Patienten  aufgeführt sind. Es gibt nach diesem Datum auch keine weiteren Patientenbriefe von ihm. Es ist anzunehmen, dass in den Journalen ab 1835 - als v. Bönninghausen angefangen hat, seine Niederschriften in einem neuen Format zu führen -  eine Krankenakte von ihm existiert, die mir aber nicht vorliegt.


Deswegen kann ich im Moment nicht feststellen, ob der als nächstes aus v. Bönninhausens Artikel zitierte Abschnitt den Tatsachen entspricht. Da der Autor kein Datum für dieses dramatische Geschehen angibt und wir nicht wissen, wann Clemens “in den Schooss der Familie zurückgekehrt ist” ist es immerhin möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass sich alles so wie geschildert irgendwann nach dem 12. Juni zugetragen hat.


Als nun endlich dieser Augenblick erschien, [also Rückkehr von der Universität] war es grade   um die Zeit, wo das Unglück -- ich kann es nicht anders nennen -- der grossen und oft wiederholten Gaben über Deutschland hereingebrochen war und auch mich erfasst hatte. Ich muss in der That dies für mich ein wahres Unglück nennen, denn ungeachtet des, für diesen Fall ganz treffend homöopathisch gewählten Mittels, welches Phosphor war, sah ich bei meinen, alle 8 Tage wiederholten Gaben von niedrigen Verdünnungen, nicht nur keinen erwünschten Erfolg, sondern bedeutende Verschlimmerungen und das Auftreten sehr vieler, früher von meinem Sohne niemals bemerkten Phosphor-Symptome. Von den letzten erwähne ich hier nur (nach der zweiten Ausgabe) Folgende: No. 10, 17, 21, 44, 87, 100, 105, 118, 141, 147, 245, 300, 390, 455, 580, 625, 668, 931, 933, 950, 971, 1009, 1012, 1032, 1034, 1075, 1084, 1126, 1140, 1153, 1202, 1203, 1210, 1221, 1225, 1226, 1232, 1252, 1266, 1508, 1530, 1555, 1615, 1670, 1685, 1686, 1725, 1753, 1781, 1791, 1822, 1823 und 1886; und bemerke dabei, dass selbst die angeführten Brust-Symptome vor dieser Zeit ausser den Asthma-Perioden entweder gar nicht oder nur in geringem Maasse vorhanden waren, jetzt aber beständig fortdauerten.


Ob der letzte Teil des obigen Abschnitts stimmt, kann man auf jeden Fall herausfinden, auch wenn die Krankenakte von Clemens nicht gefunden werden sollte. Man kann die Symptome, die sich  in den Krankenakten bis Juni 1833 finden, mit denen der “zweiten Ausgabe” (der MM der Chronischen Krankheiten) vergleichen.


Zwei Monate lang war ich unbesonnen genug, in dieser Weise fortzufahren und gewahrte dann erst den grossen Fehler, den ich gemacht hatte.[..] Das ganze Übel meines Sohnes war durch meine Schuld sehr bedeutend verschlimmert, und die bei jeder geringen Veranlassung öfter als je und heftiger als je, auch ausser der gewöhnlichen Zeit, wiederkehrenden Anfälle, welche mein Gemüth aufs heftigste erschütterten, mögen mit dazu beigetragen haben, so bald jenen Fehler zu erkennen. -- Möge die gütige Vorsehung jeden Homöopathen vor solchen Gewissensbissen bewahren, wie ich sie in jener Zeit zu erdulden hatte!


[..] Dann nahm ich abermals ein genaues Krankheitsbild auf, welches genau mit dem, zuerst vor einem Jahre aufgezeichneten übereinstimmte, zum sichern Zeichen, nicht nur, dass hier noch der Phosphor eben so wie früher indizirt war, sondern auch, dass er in den wiederholt gegebenen grossen Gaben nichts gebessert hatte. Nicht ohne Furcht vor zu heftiger Wirkung und mit Zittern reichte ich nun, gleich nach einem Asthmaanfalle gewöhnlicher Art, eine kleine Gabe Phosphor. 30, nämlich zwei feinste   Streukügelchenund der Erfolg zeigte, dass meine Besorgniss nicht ungegründet gewesen war, indem nach 5 Tagen eine heftige Erstwirkung des alten Leidens und zugleich von den oben verzeichneten Phosphor-Symptomen alle durch Sperrschrift ausgezeichnete und noch mehr der übrigen wieder zum Vorschein kamen. Indessen dauerte diese homöopathische Verschlimmerung nur kurze Zeit, und gleich darauf trat eine sichtliche Besserung ein, welche mit nur wenigen, einige Stunden langen Unterbrechungen, und mit Abnahme der Dauer und Heftigkeit der gewöhnlichen asthmathischen Anfälle, über drei Monate lang fortschritt.


Sonach war also Phosphor, welcher in den übergrossen, wenn auch im Vergleiche mit allopathischen Verordnungen unerhört kleinen Gaben so grossen und dauernden Schaden gebracht hatte, als die am besten homöopathisch passende Arznei, hier immer noch das wahre Heilmittel und bewährte vollkommen dasjenige, was der scharfsinnige Vater der Homöopathie im ersten Bande seines Buchs ``über die chronischen Krankheiten´´ Seite 149 für solche Fälle gelehrt hatte.


Ich erwähne nun nur noch mit wenigen Worten, dass der Phosphor bis zu Ende der Kur das einzig angezeigte und Heilung befördernde Mittel blieb, bei dessen Fortgebrauch, jedesmal nach 3, 4 Monaten eine solche kleinste Gabe, und einem paar nöthig scheinenden Zwischengaben von Nux vom. und Hep. sulph. calc., beide in eben so hoherVerdünnung und gleich gemässigter Gabe, ich nach anderthalb Jahren die grosse Freude erlebte,tl[xvi]


Dieser Teil lässt sich, wie oben erklärt, nicht völlig widerlegen, jedoch schreibt v. Bönninghausen auch daauf keinen Fall “die ganze Wahrheit”. Er hat “vergessen” zu erwähnen, dass Clemens schon 2 mal vorher jeweils 2 globuli von Phos. C 30 bekommen hatte: 1830 und 1832. Die beiden Male hatte das Mittel nichts bewirkt oder nicht dauerhaft etwas bewirkt. Bis zum Juni 1833 waren asthmatische Beschwerden fast immer (Ausnahme akute Zwischenfälle) Teil der Fallaufnahmen oder auch die einzigen Beschwerden. Die Ausgangslage für eine eventuelle Änderung der Behandlung hin zu öfter wiederholten Tiefpotenzen war also offensichtlich die Erfolglosigkeit der Hochpotenzen in Einmalgabe gewesen.


Gerade dieser Bericht wird auch heute immer zur Hilfe genommen, um zu zeigen, wie potentiell schädlich die Art der Mittelgabe ist, wie sie die meisten Tiefpotenzler praktizieren. Was v. Bönninghausen gesagt hat, hat noch jetzt mehr Überzeugungskraft als alle Erfahrung der letzten 150 Jahre.



Die Geschichte des eigenen Ileus.


Wir werden sehen, ob er sich hier streng an dem tatsächlichen Verlauf orientiert hat.


Der erste Fall betraf mich selbst im Mai des Jahres 1833.


Das kann nach seiner eigenen Erzählung nicht stimmen, da er zum Abschluss schreibt:


und schon wenige Tage darauf konnte ich meinem theuern Freunde und Lehrer Hahnemann von meiner Rettung aus der drohenden Todesgefahr Nachricht geben.  [...] Mein zuletzt erwähntes Schreiben traf nämlich in einem Augenblicke in Cöthen ein, wo Hahnemann selbst schwer erkrankt war, so dass seine Antwort vom 28. April 1833 in den ersten Tagen des Monats Mai in meine Hände gelangte. [xvii]


Das ist keine Erbsenzählerei sondern insofern wichtig, als dass es die weiter unten angeführten Daten aus dem Krankentagebuch bestätigt, womit wiederum sichergestellt ist, dass sich diese Eintragungen tatsächlich auf den im Artikel beschriebenen Krankheitsfall beziehen.


Hier ist dieser Fall, wie v. Bönninghausen ihn in dem Artikel “Die 3 Cautelen Hahnemanns” geschildert hat.


Nach übermässiger Geistesanstrengung, zu vielem Sitzen und Nachtwachen im Laufe des Winters, veranlasst durch  viele Dienstarbeiten, welche mir, damals noch mit einem geschäftvollen Amte bekleidet, oblagen, und neben welche ich, gleichsam zur Erholung, meine Studien über Homöopathie und Botanik zu anhaltend fortgesetzt hatte, fühlte ich mich schon zu Ende Februar unwohl, mit verlornem Appetit, Abmagerung, trägem Stuhl u. dgl., ohne eigentlich krank zu sein. Aus Mangel an charakteristischen Zeichen nahm ich keine Arznei, sondern änderte nur meine Lebensweise und Diät, in der Hoffnung, dadurch wieder gut zu machen, was durch offenbare Fehlerhaftigkeit der frühern verdorben war. Indessen ward meine Erwartung getäuscht: meine Beschwerden nahmen von Tag zu Tag zu und wurden vermehrt durch einen krampfhaft zusammenschnürenden, sehr heftigen Schmerz in der rechten Unterleibs-Seite mit starker Auftreibung desselben und gänzlicher Verstopfung. Ich versuchte nun einmal Riechen an Nux vom. 30. , aber ohne den mindesten Erfolg, ja gar mit Verschlimmerung. Meine Leiden steigerten sich indessen immer mehr; ich hatte nun schon in 11 Tagen keine Öffnung mehr gehabt, die Schmerzen der Unterbauchsseite waren fürchterlich, und andere Zeichen gaben deutlich zu erkennen, dass ich an einer Art von Ineinanderschlingung der Gedärme (Ileus) an den schmerzhaften Stellen litt. Dieser Zustand war um so verzweifelter, als das während der letzten Hälfte des Verlaufs meiner Krankheit genau gezeichnete und von Tag zu Tage vervollständigte Symptomenbild, welches ich, als auf einen besondern Bogen geschrieben, eben jetzt nicht wiederfinden kann, keinem einzigen von allen den homöopathischen Mitteln in Ähnlichkeit entsprach, die sich bisher gegen diese Art von Leiden hülfreich erwiesen hatten. In dieser Noth, welche nun den höchsten  Grad erreicht hatte, besuchten mich, ausser zweien hiesigen, von mir zur Homöopathie bekehrten ältern Ärzten, zwei andere, entfernt wohnende, -- welche, (wenn sie dieses lesen, sich gewiss dessen noch mit Freude erinnern werden), -- und alle vier riethen zu Nux vom. in grösseren Gaben, als das in solchen Fällen am öftersten dienliche Arzneimittel. Ich befolgte, obwohl gegen meine Überzeugung, diesen einstimmigen Rath und nahm am 11 ten Tage Abends einen ganzen Tropfen N. vom. 12, aber nicht nur ohne Erfolg, sondern mit einer Verschlimmerung und mit Hinzutritt neuer, deutlich als Erstwirkungen dieser Arznei zu erkennenden Symptome, welche die Unangemessenheit derselben, wie ich es vorhersah, bewiesen. Am folgenden (12 ten) Tage kamen meine Freunde wieder zu mir, erkannten den Missgriff und riethen nun zu Cocculus, wovon ich sogleich einen Tropfen von der 6 ten Verdünnung nahm. Diese, ebenfalls den Symptomen nicht entsprechende Arznei that gar keine Wirkung und bei dem am Nachmittage wiederholten Besuche, wo sie in wohlmeinender Absicht noch andere, ebenfalls unpassende Arzneien zum Versuche in Vorschlag brachten, erklärte ich rund heraus, ich würde nun nicht eher wieder ein anderes homöopathisches Mittel nehmen, als bis mir die homöopathisch richtige Wahl deutlich und bestimmt erwiesen wäre. -- So standen am Abend des 12 ten Tages die Sachen und es blieb nur wenig Hoffnung übrig, mich meiner zahlreichen Familie erhalten zu sehen, als ich mit der angestrengtesten Willenskraft meine ungeheuern, bis jetzt stets im Zunehmen begriffenen Unterleibsschmerzen überwindend, mein Symptomenbild zur Hand nahm und beschloss, nicht eher nachzulassen, bis ich entweder ein passendes Mittel gefunden hätte, oder durch den Tod von365* meinen Qualen befreit wäre. Es war Mitternacht geworden, ehe ich damit zu Stande kam, in der Thuja eine Arznei zu finden, in deren Symptomen das Charakteristische meiner Beschwerden so deutlich enthalten war, dass ich mir sofort das Etui reichen liess und mit jedem Nasenloche nur einmal an die vor Jahr und Tag mit der 30 sten Verdünnung derselben befeuchteten Streuküchelchen aufroch. Wer beschreibt des Verzweifelnden Freude, wenn er sich gerettet sieht? -- Schon nach 5 Minuten verminderten sich meine Schmerzen in der leidenden Stelle des rechten Unterbauchs, und nach 10 Minuten hatte ich eine sehr reichliche Stuhlausleerung nach einer 13 tägigen Verstopfung. Ich fiel gleich darauf in einen erquickenden, so lange entbehrten Schlaf, und als meine Freunde am folgenden Tage mich wieder besuchten, waren sie nicht weniger erfreut als erstaunt, als ich ihnen den Hergang von der letzten Nacht erzählte. Die Besserung meines Befindens behielt nun ohne weitere Arznei ihren ruhigen Fortgang, und schon wenige Tage darauf konnte ich meinem theuern Freunde und Lehrer Hahnemann von meiner Rettung aus der drohenden Todesgefahr Nachricht geben.[xviii]


Für das Verständnis des Falles anhand der Eintragungen in den Krankenjournalen weiter unten sind die folgenden Erklärungen erforderlich:.


Die Krankenjournale zwischen 1830 und 1835 sind verschieden sowohl von dem ersten. KJ, in dem v. Bönninghausen sehr ausführlich berichtet, und den späteren, deren Format ab Kapitel 1 angeschaut werden kann. Die KJ von 1830 - 35 sind in Form eines Tagebuchs geführt und sehr kurz gehalten; das bedeutet, das jede Konsultation nur eine Reihe auf einer Seite in Anspruch nimmt.


Wegen dieser Kürze kann ich den gesamten Fallverlauf hier im Original darstellen..


Die erste Kardinalzahl bedeutet die Stelle in der Reihenfolge der Patienten, also z. B. 7 - als 7. Patient des Tages.


Danach folgt der Name des Patienten - in seinem eigenen Fall “ich selbst”.


Dann die Beschreibung der Krankheit.


Darauf die VerschreibungEn.


Die Zahl in Klammern ab 2. Eintrag bedeutet die Seite im Tagebuch der vorherigen Konsultation.


1833


25. Febr.  


7. Ich selbst. Heftiges Leibweh und Übelkeit. 1 Ipec. 2 Nux v. R


26. Febr.


5.Ich selbst (10.) Unterleibs-Entzündung Puls R. und Lyc C 30 R abwechselnd


10 März


2. Ich selbst (11.) wieder heftige Unterleibsschmerzen Sulph C 30 R


11. März


3. Ich selbst (13.) die Nacht sehr leidend, jetz auch Leberentzündung. Acon C 30 R Nux C 30 R.


12. März


1. gestern Abend besser aber die Arznei gestört. Op C 30 Nux R.


13. März


1. Ich selbst (13.) wieder eine schlimme Nacht Veratr C 30 R., darauf erhöhte Besch


. Ich selbst (13.) Nachmittags 3 Tassen Kaffee, darauf Öffnung [Stuhlgang]. Abends Nux R.


14. März


2. Ich selbst (13.) eine sehr böse Nacht. früh Thuj. C 30 R. allmählig besser


15. März


3. Ich selbst (13.) die Nacht gut; vormittags viel Leibschmerz, nachher gut.


16. März.


1. Ich selbst (13.) die Nacht gut, aber viel Schweiß. Arn. C 12. R. Öffnung. Cocc. R.


17. März


1. die Nacht sehr gut, aber viel Schmerz in dem verhärteten Coecum - Merc. C 9 R.


18. März


1. Ich selbst (14.) die Nacht gut, auch am Tage, Abends etwas verschlimmert Arn. R.


19. März


1. Ich selbst (14.) starkes Schrunden über Bauchstelle. Sulph. ac. C 30 R.


20. März


1. Ich selbst (14.) gut geschlafen und überhaupt besser.


21. März


4. Ich selbst (14.) die Nacht gut. Lyc. C 30 R. worauf gleich erhöhte Beschwerden.


23. März


2. Ich selbst (14.) gestern nachmittag wieder schlimmer - Thuj C 30 R.


24. März


1. Ich selbst (14) heute Morgen abermals Thuj C 30 R. - darauf Öffnung.


26. März


2. Ich selbst (14.) noch Verstopfung und Knoten in der rechten Unterleibsseite. Bell C 30 R.


27. März


1. Ich selbst (15.) Bellad C 24 R.


31. März


3. Ich selbst (15.) Amm C 18 R. - darauf zu Mittag blähende Kolik.


1. April


1. Ich selbst (16.) Amm C 18 R. darauf gleich Leibweh und betäubter Schlaf


4. April (16.)